March 23, 2020 / 4:06 PM / 10 days ago

Hoffnung in Corona-Krise - Infizierten-Zahl steigt langsamer

Berlin/Mailand/Madrid (Reuters) - Angesichts einer langsameren Ausbreitung der Corona-Seuche in den vergangenen Tagen machen Experten erste Erfolge der Kontakt-Beschränkungen aus.

Empty platforms are seen at the main train station as the spread of the coronavirus disease (COVID-19) continues, in Berlin, Germany, March 23, 2020. REUTERS/Hannibal Hanschke

“Wir sehen den Trend, dass die exponentielle Wachstumskurve sich etwas abflacht”, sagte der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Montag in Berlin. Am Mittwoch könne man wohl Genaueres über die Wirkung der seit einer Woche geltenden Einschränkungen sagen. “Ich bin aber optimistisch, dass diese Maßnahmen schon jetzt sichtbar sind, was sehr früh ist.” Positiv sei auch, dass bereits mehr als 2800 Menschen die Infektion überstanden hätten. Auch Wissenschaftler aus Regensburg und Mainz sprachen von einer Abflachung der Kurve der Neu-Infizierten. Das Zentrum der Pandemie ist weiter Europa - und hier besonders Italien und Spanien. Insgesamt gab es in Europa bislang über 7200 Tote.

In Deutschland sind den RKI-Zahlen zufolge 22.672 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. 86 starben an der Seuche. Am Sonntag waren 18.610 Infizierte und 55 Tote gemeldet worden. Da am Wochenende die Gesundheitsämter unregelmäßig Daten lieferten, gelten diese erst in den nächsten Tagen als aussagefähiger. Größere Einschränkungen für die Menschen in Deutschland sind seit gut einer Woche in Kraft. Am Sonntag beschloss die Regierung ein weitgehendes Kontaktverbot. Zielt ist es, die Epidemie zu verlangsamen, so dass die Krankenhäuser die Zahl der Schwerkranken angemessen behandeln können.

Auch Wissenschaftler aus Regensburg und Mainz sehen kleine Fortschritte auf dem Weg dorthin, nachdem am 13. März Einschränkungen beschlossen wurden. Nach dem 14. März seien im Schnitt täglich 21 Prozent neue Fälle hinzugekommen, zuvor seien es 27 Prozent gewesen, heißt es in einer Modellrechnung der Wissenschaftler Tobias Hartl, Klaus Wälde und Enzo Weber. “Gegen Ende der Woche werden wir statistisch gesichert sagen können, ob sich die Eindämmungsmaßnahmen in einer Abflachung der gemessenen Corona-Infektionszahlen niederschlagen”, sagte Weber der Nachrichtenagentur Reuters. “Wir können aber bereits feststellen, dass es eine Abflachung in den Wachstumsraten seit Ende der vorletzten Woche gab, als die Maßnahmen noch gar nicht in Kraft waren.” Unterdessen teilte ein Regierungssprecher mit, dass ein erster Corona-Test bei Kanzlerin Angela Merkel negativ ausgefallen sei. Weitere Tests folgten in den kommenden Tagen, weil ein Ergebnis jetzt noch nicht voll aussagekräftig sei.

LAGE IN SPANIEN UND ITALIEN WEITER DRAMATISCH

In Italien und Spanien liegt die Zahl der Toten bereits bei mehreren Tausend. Allein in Italien sind es fast 5000, wobei die Lage besonders in der Lombardei sich zuspitzt. Dort allein sind es fast 3800 Tote. In der Hauptstadt Bergamo haben inzwischen mehr als ein Fünftel der Ärzte sich selbst und ihre Familien infiziert. Das verschärft die ohnehin angespannte Lage zusätzlich. Im Krankenhaus Oglio Po bei Cremona sind 25 von 90 Ärzten infiziert. “Wir sind am Ende unserer Kräfte”, sagte Arzt Romano Paolucci, der aus dem Ruhestand zur Hilfe gekommen ist. Guido Marinoni, Chef des regionalen Ärzteverbands, sprach von drei gestorbenen Ärzten. Pflegepersonal und Mediziner steckten immer wieder auch Patienten an. Es fehle an allem. “Es ist, als ob man in den Krieg mit Spielzeugwaffen zieht. Ich hoffe der Rest Europas lernt von den guten Dingen in Italien, aber auch von den Fehlern”, sagte Marinoni. Sachsen kündigte an, in Leipzig und Dresden sechs Patienten aus den überfüllten Kliniken Italiens aufzunehmen.

Aber auch in Spanien steigen die Totenzahlen schnell. Das Gesundheitsministerium in Madrid sprach von 2182 Toten, bislang waren es 1720. Auch die Zahl der Neuinfektionen legte rapide zu. Das Ministerium zählte 33.089 Menschen, das war ein Zuwachs von 4517.

Ein ähnlicher Trend zeichnet sich in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein ab, wo innerhalb eines Tages die Infiziertenzahl um 1046 auf 8060 geklettert war.

Großbritannien, das lange zurückhaltend mit Kontaktsperren war, erwägt eine Verschärfung. Handy-Daten sollen Aufschluss darüber geben, ob die Briten die Empfehlungen der Regierung befolgen, soziale Kontakte zu minimieren, sagte ein Sprecher von Premierminister Boris Johnson. “Wenn die Informationen zeigen, dass sie nicht aufgehört haben, dann werden wir weitere Maßnahmen einleiten.”

Im Land übernimmt inzwischen das Militär die Auslieferung von Schutzausrüstungen für das medizinische Personal. Tag und Nacht würden die Lastwagen der Armee eingesetzt, um Millionen Artikel wie Atemschutzmasken zu verteilen, sagte Gesundheitsminister Matt Hancock. Zuvor hatten über 6000 Ärztinnen und Ärzte in einem offenen Brief an Johnson appelliert, die Versorgung mit Schutzmaterialien zu erhöhen. Ohne würden sie ihr Leben riskieren, sie fühlten sich wie “Kanonenfutter”.

DEUTSCHLAND HILFT KRANKENHÄUSERN UND PRAXEN MIT MILLIARDEN

Bayern begann mit der Verteilung von mehr als 800.000 Schutzmasken und 235.000 Flaschen Hand-Desinfektionsmittel an Krankenhäuser, Arztpraxen und andere Einrichtungen. Entsprechende Lieferungen seien im bayerischen Zentrallager angekommen und würden nun vom Technischen Hilfswerk (THW) verteilt, gab die Landesregierung bekannt.

Per Gesetz beschloss die Bundesregierung, einen Schutzschirm für Krankenhäuser und Praxen zu spannen. Da derzeit deutlich weniger andere Patienten behandelt und Operationen ausgeführt werden, erhalten beispielsweise die Krankenhäuser für leere Betten pro Tag 560 Euro. Die Hospitäler sollen sich weitgehend auf die Corona-Fälle konzentrieren. Pro neues Intensiv-Bett mit Atemgerät werden den Einrichtungen 50.000 Euro zur Verfügung gestellt. Insgesamt soll dies bis zu zehn Milliarden Euro kosten, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn.

Mit rund 750 Milliarden Euro will die Regierung die durch die Epidemie ausgelöste schlimmste Wirtschaftskrise seit einem Jahrzehnt abfedern. Vorgesehen ist ein Nachtragshaushalt von 156 Milliarden Euro sowie ein Rettungsfonds im Volumen von 600 Milliarden. Deutschland habe genug Geld, um jetzt entschlossen zu handeln. “Wir werden nicht zögern”, versprach Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD).

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