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Inlandsnachrichten

Quarantäne in Deutschland - Corona erzwingt immer mehr Zwangspausen

People stroll downtown as the Bavarian government discusses to make the wearing of masks obligatory in public spaces such as pedestrian zones due to the coronavirus disease (COVID-19), in Munich, Germany, September 22, 2020. REUTERS/Michael Dalder

Berlin (Reuters) - Der 11. Jahrgang des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums in Bad Tölz hat Pech: 75 Schülerinnen und Schüler sowie vier Lehrer müssten sofort in Quarantäne, teilte der Landkreis am Dienstag mit.

Denn ein Schüler sei positiv getestet worden, auch wenn er keine Symptome zeige. So wie den Betroffenen in Bayern geht es derzeit Zehntausenden in Deutschland - nicht nur in Schulen: Nach Einschätzung von Risklayer, einer Corona-Beobachtungs- und Analyse-Plattform im Internet mit Sitz in Karlsruhe, befinden sich derzeit rund 142.000 Personen in Deutschland in Quarantäne - Tendenz schnell steigend.

Der Grund ist zum einen, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt - und damit die Zahl der aktiven Fälle. Zwar betonen das Robert-Koch-Institut und das Bundesgesundheitsministerium, dass die Landkreise die Zahl der Quarantäne-Betroffenen nicht melden müssten und es deshalb keine offiziellen Zahlen gebe. “Aber wir analysieren zweimal täglich die Daten aller Landkreise - und 132 von den rund 400 Landkreisen weisen tatsächlich auch die Quarantäne-Fälle aus”, sagt James Daniel, Geschäftsführer von Risklayer, zu Reuters. Also rechne man die Zahl hoch und komme nun auf rund 142.000 Betroffene. Der Fall in Bad Tölz zeigt, dass ein einziger Betroffener Quarantäne-Pflichten für Dutzende Personen nach sich ziehen kann. Im bayerischen Deggendorf führte eine Infektion bei einem Arzt sogar dazu, dass gleich 275 Personen in Quarantäne mussten. Wenn das Virus zuschlägt, sind quer durch die Bank Betriebe, Vereine, Familien oder Pflegeeinrichtungen betroffen.

Anders als in den ersten Wochen der Pandemie sind die Quarantäne-Auflagen in den Ländern so ausgeweitet und verbindlich geworden, dass ein Verstoß empfindliche Bußgelder nach sich ziehen kann. Auch das lässt die Zahl derer, die tatsächlich zuhause bleiben müssen, bis klar ist, dass sie nicht infiziert sind, in die Höhe schnellen. Und das Ende der Fahnenstange ist bei den Auflagen noch nicht einmal erreicht. Bund und Länder, die bis zum 15. Oktober neue Test- und Quarantäne-Regeln vorlegen wollen, diskutieren, die bisherige Ausnahmeregel für Geschäftsreisende zu kippen. Bisher müssen zwar Urlauber, die sich in Risikogebieten aufgehalten haben, nach der Rückkehr in Quarantäne - nicht aber Geschäftsreisenden, die weniger als 48 Stunden an einem Ort waren.

Während die Corona-geplagten Luftfahrtbranche davor warnt, dass ein Kippen dieser Ausnahmeregelung nun auch noch die Geschäftsreisen eliminieren würde, sieht dies die gesundheitspolitische Sprecherin der Union, Karin Maag, ganz anders. “Entweder Quarantäne ist aus medizinischen Gründen notwendig oder nicht”, sagt sie zu Reuters. “Da kann es angesichts gestiegener Infektionszahlen dann keine Ausnahmen geben.”

“INFEKTIÖS ODER NICHT”

Hoffnung für die Geschäftsreisenden kommt aus Bayern. CSU-Chef Markus Söder kündigte am Dienstag an, dass trotz aller Verschärfungen Geschäftsleute von der Quarantäne-Regel ausgenommen bleiben sollen. Marcel Klinge als tourismuspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion geht noch einen Schritt weiter: Er hält die Quarantäne-Einschränkungen insgesamt für viel zu weitgehend. “Wir können nicht alle Reisenden aus Risikogebieten für einige wenige in Haftung nehmen”, sagte er zu Reuters. Es habe sich gezeigt, dass die Positivquote bei Einreisenden aus Spanien, Griechenland, Portugal und Italien bei unter 0,5 Prozent gelegen habe. “100 Prozent dafür in Quarantäne zu schicken, halte ich für absolut unverhältnismäßig.” Er schlägt Schnelltests für Passagiere vor Antritt der Heimreise und nach Ankunft in Deutschland vor.

Ohnehin ist fraglich, wen die Quarantäne überhaupt erfasst. Das Bundesinnenministerium jedenfalls lässt nun die bisherigen Rückkehrerkarten an Flughäfen kontrollieren, weil viele falsch ausgefüllt waren. Lokale Gesundheitsämter erfahren oft nicht einmal, bei wem sie die Einhaltung einer Quarantäne überprüfen müssen. Das Gesundheitsministerium musste zudem auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Klinge einräumen, dass die Ende August verabredete “elektronische Einreiseanmeldung” auf sich warten lasse. Es ist unklar, wie Rückreisende per Auto erfasst würden.

Entspannung könnte beim Quarantäne-Thema aus einer ganz anderen Richtung kommen - den normalen Corona-Tests. Denn Gesundheitsminister Jens Spahn verwies darauf, dass zusammen mit dem Robert-Koch-Institut daran gearbeitet werde, die Genauigkeit der Tests zu verbessern. “Bisher fallen sie auch positiv aus, wenn eine Person nicht mehr infektiös ist”, sagte Spahn am Dienstag. Wenn die Aussagekraft eines Tests so verfeinert werde, dass man hier eine Unterscheidung “infektiös oder nicht” treffen könne, könnte dies Abhilfe schaffen.

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