June 18, 2018 / 9:14 AM / 3 months ago

Audi-Chef Stadler in Haft - Vertriebschef übernimmt vorerst

- von Jan Schwartz und Irene Preisinger

FILE PHOTO: Audi CEO Rupert Stadler speaks during the company's annual news conference in Ingolstadt, Germany March 15, 2018. REUTERS/Michael Dalder/File Photo

Hamburg/München (Reuters) - Erdbeben bei der VW-Tochter Audi: Vorstandschef Rupert Stadler sitzt als erster Manager aus der obersten Führungsriege im Dieselskandal in Untersuchungshaft.

Seine Aufgaben soll Insidern zufolge vorübergehend Vertriebsvorstand Bram Schot übernehmen. Der 55-jährige Stadler, der Audi seit 2007 führt, wurde am frühen Montagmorgen zuhause in Ingolstadt wegen Verdunkelungsgefahr festgenommen, wie die Münchner Staatsanwaltschaft mitteilte. Er hatte an dem Tag zur VW-Aufsichtsratssitzung nach Wolfsburg reisen wollen. Ein Justizsprecher sagte, es hätten sich Hinweise ergeben, dass Stadler möglicherweise auf Beweismittel, andere Beschuldigte oder Zeugen Einfluss nehmen könnte. Der Audi-Chef soll spätestens am Mittwoch vernommen werden. In Ingolstadt und Wolfsburg schlug die Nachricht ein wie eine Bombe.

Der VW-Aufsichtsrat hatte sich bei seiner regulären Sitzung am Montagnachmittag ohnehin mit Stadlers Zukunft beschäftigen wollen. Nach der Verhaftung musste das Gremium eine Lösung für die Zeit finden, in der der Audi-Chef seine Amtsgeschäfte nicht ausführen kann, wie eine Person mit Kenntnis der Beratungen zu Reuters sagte. “Bram Schot soll Audi-Chef werden”, sagte ein anderer Insider. Der gebürtige Niederländer ist seit September 2017 Vertriebschef in Ingolstadt. Nach dem VW-Aufsichtsrat werde auch das Kontrollgremium von Audi über die Interimslösung entscheiden, sagten weitere Insider. Von VW und Audi war dazu zunächst keine Stellungnahme zu bekommen.

Erst vor einer Woche waren die Ermittler bei Stadler und einem weiteren Audi-Vorstand zuhause zur Razzia angerückt. Den beiden Spitzenmanagern wird unter anderem Betrug zur Last gelegt. Sie sind die ersten amtierenden Vorstände unter den Beschuldigten. Seither steht Stadler noch stärker im Feuer als in den vergangenen gut zweieinhalb Jahren seit Bekanntwerden der Abgasaffäre ohnehin. Dem Manager wird intern eine schleppende Aufarbeitung des Skandals vorgehalten, obwohl Audi als Keimzelle der Abgasschummeleien gilt. Stadler hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Sein Anwalt lehnte am Montag eine Stellungnahme ab.

Stadler hatte in der Vergangenheit mehrere Scherbengerichte überstanden, weil die Eigentümerfamilien Porsche und Piech bisher ihre schützende Hand über ihn hielten. Der Bayer, der seit 1990 bei Audi arbeitet, war lange Jahre Büroleiter des früheren VW-Chefs Ferdinand Piech. Er führte die Marke mit den vier Ringen einst von Rekord zu Rekord und machte sie - neben Porsche - zu einer der ertragreichsten Töchter im VW-Konzern. Fünf Razzien, zwei wegen des Skandals vor die Tür gesetzte Entwicklungschefs und eine lange Reihe von Negativschlagzeilen sorgten aber für tiefe Kratzer an Stadlers Image.

JUSTIZ: STADLER WILL AUSSAGEN

Fassungslos äußerten sich am Montag Insider aus dem VW-Konzern. “Das ist der Hammer.” Man sei “vollkommen überrascht”, hieß es. Stadler selbst sei bei seiner Verhaftung überrascht, aber gefasst gewesen, sagte eine Person mit Kenntnis der Vorgänge. Bei der Ermittlungsrichterin, die die Untersuchungshaft angeordnet hatte, machte der Audi-Chef keine Angaben zur Sache, wie Oberstaatsanwalt Stephan Necknig sagte. Stadler sei aber bereit, sich vernehmen zu lassen, und wolle sich vorher mit seinen Verteidigern besprechen. Das werde voraussichtlich Mitte der Woche der Fall sein. “Dann wird man sehen, welche Aussagen das sind, ob die dazu führen können, dass die Verdunkelungsgefahr ausgeräumt wird, und der Beschuldigte wieder auf freien Fuß gelangt oder ob er in Haft bleiben muss.”

Oberstaatsanwalt Necknig sagte weiter, der Haftbefehl gegen den Audi-Chef gehe nicht auf einen Wunsch der US-Behörden zurück. Es gehe um europäische Fahrzeuge. Stadler wird vorgeworfen, Diesel-Autos mit manipulierter Software weiter auf den europäischen Markt gebracht zu haben.

“Die Verhaftung ist ein weiterer Tiefpunkt in der VW-Dieselsaga”, schrieb Arndt Ellinghorst vom Analysehaus Evercore ISI. “Warum haben die Aufsichtsräte von Audi und VW nicht früher etwas unternommen?” Über Stadlers unmittelbar bevorstehende Ablösung wurde seit Bekanntwerden des Dieselskandals immer wieder öffentlich spekuliert. Belastbare Hinweise für ein Fehlverhalten des Audi-Chefs lagen allerdings Insidern zufolge bislang nicht vor. Auch in der vergangenen Woche hätten die hausinternen Juristen keine neuen Entwicklungen gesehen. Einen Rücktritt lehnte Stadler in der Vergangenheit ab.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sagte zu der Verhaftung: “Das Signal ist nicht nur schockierend, sondern auch traurig”. Er betonte zugleich: “Ich habe großes Vertrauen in die Behörden, die diese Untersuchungen und Ermittlungen vornehmen.” Scheuer hatte zuletzt einen härteren Kurs gegen Autobauer im Skandal um abgasmanipulationen eingeschlagen.

Im VW-Konzern ist der Audi-Chef nicht der einzige aktive Spitzenmanager im Fadenkreuz der Ermittler: Gegen den Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Für den VW-Chef werden die Ermittlungen gegen Stadler zusehends zu einem Problem. Denn er setzt bisher beim Umbau des Wolfsburger Mehr-Markenkonzerns auf den Audi-Chef. Stadler leitet die wichtige Premiumgruppe der Wolfsburger mit der Marke Audi an der Spitze.

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