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VORSCHAU-Wende oder nicht? - Merkel und Schulz vor TV-Duell
30. August 2017 / 14:57 / vor 3 Monaten

VORSCHAU-Wende oder nicht? - Merkel und Schulz vor TV-Duell

Berlin (Reuters) - Das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz könnte zum einzigen gemeinsamen Wahlkampferlebnis vieler Deutscher werden.

A woman glues poster of the two top candidates for the upcoming general elections, German Chancellor Angela Merkel for the Christian Democratic Union party (CDU), and Martin Schulz for Social Democratic Party (SPD) before an election campaign rally in Bitterfeld-Wolfen, Germany, August 29, 2017. REUTERS/Hannibal Hanschke

Immerhin 48 Prozent der Wahlberechtigten wollen einer Forsa-Umfrage zufolge am Sonntag einschalten. Damit könnte ein erheblicher Teil der Deutschen das von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 organisierte Aufeinandertreffen der CDU-Chefin auf den SPD-Vorsitzenden anschauen - was die Bedeutung für die Parteien unterstreicht. Denn ansonsten franst der Wahlkampf durch die immer unterschiedlichere Nachrichtenaufnahme der Bürger weit auseinander. “Aber am Sonntagabend werden weit mehr als zehn Millionen Menschen zuschauen”, sagt Michael Kuhnert, Geschäftsführer von Infratest dimap.

Dazu kommt, dass das Allensbach-Institut die Zahl der unentschiedenen Wähler als so hoch wie nie einschätzt. Laut Forsa könnten sich hochgerechnet 6,8 Millionen Wähler von dem TV-Duell entscheidend beeinflussen lassen. So gaben die Erstwähler im Alter zwischen 18 und 20 Jahren zu 50 Prozent an, dass sie ihre Wahlabsichten noch ändern könnten.

WIE WICHTIG IST DAS DUELL WIRKLICH?

Allerdings ist der Effekt unter Meinungsforschern umstritten - vor allem wegen des späten Zeitpunkts drei Wochen vor der Wahl. Seit der vergangenen Woche sei der Anteil der Wähler, die sich entschieden hätten, auf 60 Prozent gestiegen, sagt der Geschäftsführer des Instituts Insa, Hermann Binkert. “Die Diskussion ist also in Wahrheit weniger entscheidend als allgemein angenommen wird.” Dem widerspricht Infratest-Geschäftsführer Kuhnert, der zudem erwartet, dass die Wahlbeteiligung dank des Duells steigt. “Es ist nun mal die einzige Chance, beide Kandidaten zusammen zu erleben.” Zumal es nicht nur um das Duell selbst, sondern eine Vielzahl von Aktionen herum etwa in sozialen Netzen gehe. So hat etwa die CSU zu einer parallelen Twitter-Party am Sonntagabend eingeladen.

Generell gilt in den Parteien die Daumenregel, dass Amtsinhaber weniger Interesse an solchen Sendungen haben, weil sie damit Konkurrenten nur aufzuwerten glauben. Zudem wurde schon in US-Wahlkämpfen darüber diskutiert, ob ein Herausforderer tendenziell bessere Karten hat, weil von einem Amtsinhaber automatisch Souveränität erwartet wird - Schulz damit aber Zuschauer eher überraschen könnte. Ein weiteres Muster: Die Partei des Herausforderers gibt sich ebenso unzufrieden wie kleinere Parteien, die beim Duell der Volksparteien gar nicht berücksichtigt werden, sondern in einer zweiten Diskussionsrunde zum Zug kommen.

HISTORISCHE MUSTER DER DEBATTE

Früher lehnten die SPD-Kanzler Willy Brandt oder Helmut Schmidt Forderungen ihrer CDU-Herausforderer nach einem Zweier-Rededuell ab. 1998 war es dann CDU-Regierungschef Helmut Kohl, der ein solches Ansinnen von Gerhard Schröder ablehnte. 2002 gab es dann zwei Diskussionen zwischen Schröder und dem Unionskandidaten Edmund Stoiber. 2005 war es allerdings die CDU-Herausforderin Merkel, die nur ein einziges Fernsehduell gegen Schröder wollte. Und Merkel blieb bei dieser Linie in den zwölf Jahren ihrer Kanzlerschaft. Am Dienstag begründete sie das Beharren auf einer einzigen Debatte damit, dass es in Deutschland keine Personen-, sondern eine Parteienwahl gebe. An Zugang und Debatten mit den Kandidaten mangele es zudem nicht: Schulz und sie stellten sich Bürgern in Fragerunden.

WIE LANGFRISTIG IST EFFEKT?

Unabhängig davon, wie viele Menschen am Sonntag zuschauen: Umstritten ist auch, ob die Auswirkungen der TV-Duelle nachhaltig sind. “Wenn nichts Dramatisches passiert, handelt es sich eher um einen Kurzeiteffekt”, glaubt Insa-Chef Binkert. “Wir stellen fest, dass die Anhänger meist mit dem Auftritt ‘ihres’ Politikers zufrieden sind.” Das sieht auch Kuhnert so, der aber das Potenzial für eine Langzeitwirkung betont. “Wenn ein Teilnehmer einen gravierenden Fehler macht, kann dies sein Image prägen.”

Wie uneindeutig die Kurzzeitbeurteilungen sein können, zeigt das TV-Duell aus dem Jahr 2013: Damals kürte eine ARD-Blitzumfrage SPD-Herausforderer Peer Steinbrück zum Sieger, eine ZDF-Blitzumfrage dagegen Merkel - und bei RTL gab es ein Patt.

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