Reuters logo
HINTERGRUND-Was sind die Zahlen der Meinungsforscher wert?
September 22, 2017 / 4:40 PM / 3 months ago

HINTERGRUND-Was sind die Zahlen der Meinungsforscher wert?

Berlin (Reuters) - Seit Wochen sind die Deutschen mit so vielen Umfragen zur Bundestagswahl beschossen worden wie noch nie.

People sit in a voting cabin to cast their vote in an advanced postal ballot for the upcoming general elections at Steglitz-Zehlendorf district postal ballot polling station, in Berlin, Germany, September 15, 2017. REUTERS/Fabrizio Bensch TPX IMAGES OF THE DAY

Aber je näher der Wahltermin am Sonntag rückt, desto mehr stellt sich die Frage, was die erhobenen Zahlen eigentlich wert sind. Denn die Wahlen in den USA und Großbritannien haben Zweifel an der Aussagekraft der dortigen Meinungsumfragen geweckt. In Deutschland dagegen betonen die Institute, dass sie gerade bei den vergangenen Landtagswahlen eigentlich ganz gut lagen. Aber in diesem Jahr kommt angesichts der steigenden Zahl an Briefwählern eine Frage dazu: Was sagen eigentlich die ersten Prognosen am Sonntag um 18.00 Uhr aus, wenn zwar in den Wahllokalen Wähler befragt werden konnten, aber rund 30 Prozent der wahlberechtigten Bürger ihre Stimmen lange vorher abgegeben hatten?

VERGLEICH USA UND GROSSBRITANNIEN GEFÄHRLICH

“Schon die Grundannahme stimmt nicht”, weist Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, die Vorbehalte zurück. Denn nicht einmal in den USA oder Großbritannien hätten die Umfragen so schlecht gelegen. “Hillary Clinton hatte einen Vorsprung von drei Millionen Stimmen”, sagt er. Erst bei der Gewichtung der Ergebnisse im komplizierten System der Wahlmänner nach Bundesstaaten sei es dann schwierig geworden. “Die Umfragen waren insoweit richtig in den USA, dass Clinton insgesamt tatsächlich vor Trump lag, nur das nutzt ja nichts, weil es in den USA auf ganz wenige ‘Swing States’ ankommt”, sagt auch der Berliner Politologe Oskar Niedermayer.

Und in Großbritannien sei das Ergebnis eben sehr knapp gewesen, meint Güllner. Alle Institute wiesen aber darauf hin, dass es natürlich immer eine Marge an Unsicherheit gebe - eine Aussage bei einem knappen Wahlausgang also sehr schwierig sei. Die französischen Institute hatten dagegen in ihren Umfragen für die Präsidentschaftswahl korrekt den klaren Sieg Emmanuel Macrons abgebildet.

UNSICHERHEITSFAKTOR AFD

In den vergangenen Jahren hat es in Deutschland unterschiedliche Erfahrungen gegeben. Starke Abweichungen gab es etwa bei der Bundestagswahl 2005, als mehrere Institute CDU/CSU höher einstuften als das tatsächliche Ergebnis. Vor allem das Auftauchen der AfD sorgte dann aber in den Landtagswahlkämpfen 2015 und 2016 für Überraschungen und erhebliche Abweichungen zwischen Umfragen und Ergebnissen.

Der Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, betonte allerdings in den vergangenen Tagen mehrfach, dass man dazugelernt habe. Denn man kalkuliere nun bei den Umfrage-Ergebnissen für die AfD denselben Zuschlag auf die Rohdaten wie für die NPD ein - etwa weil deren Wähler bei Befragungen ihre Präferenz nicht angeben. Seither seien die Umfragen ein gutes Abbild der tatsächlichen Stimmung. In der letzten Umfrage für das ZDF wurde die AfD am Donnerstag von der Forschungsgruppe bei elf Prozent einsortiert.

“Am Anfang lagen überhaupt keine Erfahrungswerte vor”, beschreibt auch Niedermayer die Entwicklung. Die AfD sei unterschätzt worden. “Jetzt haben die Institute das eingepreist.” Auffallend ist, dass sich die letzten Umfragen der Institute stark anglichen.

UND DIE BRIEFWÄHLER?

Bleiben zwei Fragen der Methodik. Zum einen geht es um die alte Streitfrage, wie Daten erhoben werden. Jung gilt als Verfechter der traditionellen Telefonbefragungen bei Festnetzanschlüssen und sieht auch in der wachsenden Zahl an Handy-Nutzern kein Problem, die einfach integriert werden könnten. Gerrit Richter vom Online-Institut Civey sagte dagegen vor wenigen Tagen in der “tageszeitung” voraus, dass Meinungsumfragen per Telefon in einigen Jahren der Vergangenheit angehören würden - was die klassischen Institute ganz anders sehen.

Zum anderen muss neu entschieden werden, wie die Institute die Exit Polls bewerten. Diese werden am Wahlsonntag durch die Befragung einer repräsentativen Anzahl von Bürgern erhoben, die aus dem Wahllokal kommen. Aber weil in einigen Kommunen die Zahl der Briefwähler über 40 Prozent und im Bundesdurchschnitt bei rund 30 Prozent liegen dürfte, stellt sich die Frage, wie deren Verhalten eingerechnet wird. In der Vergangenheit hatte es etwa einen leicht überproportionalen Anteil an Unions- und FDP-Wählern unter den Briefwählern gegeben.

Am Sonntag werden zwei Institute diese Daten erheben: Die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF und infratest dimap für die ARD. Beide Institute betonen dabei, dass die Briefwahl kein Problem darstelle. Bisher wurde auf Grundlage bisheriger Erfahrungen stets ein Zuschlag für Parteien berechnet, die bei früheren Wahlen besonders viel Briefwähler aufzuweisen hatten. Dieser Aufschlag werde nun aber reduziert, kündigte Jung an. Denn wenn immer mehr Menschen Briefwahl beantragten, werde das Wahlverhalten dem Rest der Bevölkerung immer ähnlicher.

Ganz ähnlich sieht dies Michael Kuhnert, Geschäftsführer von infratest dimap: “Diese Gruppe ist größer geworden, aber zugleich verringern sich die Unterschiede”, sagt er. Aus Vor- und Nachwahlbefragungen wisse man, dass sich die Brief- und Urnenwähler auch inhaltlich immer weiter angenähert hätten. “Die Briefwahl wird in der Exit Poll also mit eingepreist”, sagt er. Zudem wirbt Kuhnert mit einem anderen Argument für Vertrauen in die Zahlen: “Trotz der steigenden Briefwahlanteile sind die 18-Uhr-Prognosen im Verlauf der vergangenen 20 Jahre etwas besser geworden.”

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below