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HINTERGRUND-Merkels Wahlkreis - AfD-Angriff im Kernland
3. September 2017 / 09:45 / in 18 Tagen

HINTERGRUND-Merkels Wahlkreis - AfD-Angriff im Kernland

Leif-Erik Holm, Mecklenburg-Vorpommer top candidate of the anti-immigration party Alternative for Germany (AfD), speaks during a press conference in Berlin, Germany, September 5, 2016. REUTERS/Hannibal Hanschke

Greifswald (Reuters) - Jette Grabow ist zufrieden. Alle 30 Kekse in Form des Merkel-Konterfeis, die die CDU-Aktivistin gebacken hat, haben schnell Abnehmer gefunden.

Als Parteichefin Angela Merkel selbst zum Händeschütteln an den Wahlkampfstand auf dem Greifswalder Fischmarkt kommt, ist nichts mehr da. Die Stimmung ist allgemein freundlich und selfie-lastig. Aber auch wenn es scheint, als ob die Welt im Wahlkreis der Kanzlerin im äußersten Nordosten Deutschlands für die Union noch in Ordnung erscheint: Schon das hohe Aufgebot an Polizisten und zivilen Sicherheitskräfte macht deutlich: Der Wahlkampf 2017 ist anders. Denn die rechtspopulistische AfD stört nicht nur systematisch Merkels Wahlkampfauftritte in anderen Bundesländern. Sie hat der 63-Jährigen auch ihrem Kernland den Kampf angesagt und will ihr das Direktmandat für den Bundestag abnehmen. Dafür hat die AfD ihren Landesvorsitzenden Leif-Erik Holm ins Rennen geschickt.

Dabei ist Merkels Wahlkreis auch ohne die AfD schon ungewöhnlich genug. “Mit 3000 Quadratkilometern gehört er zu den größten der Republik”, sagt Kerstin Kassner, die für die Linkspartei gegen Merkel antritt. Weil die Gegend sehr dünn besiedelt ist, wurde nun auch noch Greifswald hinzugenommen. Das macht den Wahlkampf wegen der Entfernungen sehr schwierig und die Ergebnisse unkalkulierbar. Zudem hatten hier 2013 bei den Erststimmen mit Merkel (56,2 Prozent), Kassner (19,3 Prozent) und Sonja Steffen (SPD, 14 Prozent) gleich drei weibliche Bundestagsabgeordnete das Rennen unter sich ausgemacht.

Aber nun schickt die AfD ihren Landeschef, den ehemaligen Radio-Moderator Holm ins Rennen, der demonstrativ Zuversicht zu schüren versucht. “Wir merken hier einen sehr, sehr starken Zuspruch”, sagt er und verweist auf die landesweit über 20 Prozent Zustimmung für seine Partei in Mecklenburg-Vorpommern in einer Umfrage der Zeitung “Nordkurier”. Aber es geht der AfD um mehr als den Wahlkreis. Es geht ihr um ein Symbol gegen die bei ihren Anhängern wegen der Flüchtlingspolitik verhassten Merkel: “Es geht uns schon darum zu zeigen, dass sie in ihrem angestammten Wahlkreis, dass auch hier die Mehrheiten für ihre Politik geschwunden sind”, erklärt AfD-Chefin Frauke Petry.

Die Frage ist allerdings, wie offen das Rennen wirklich ist und wie viel Show hinter dem AfD-Anspruch auf einen Sieg des Direktmandats steckt. “Die CDU macht sich schon kräftig Sorgen, das merkt man”, sagt die SPD-Kandidatin Steffen. Auch wenn niemand genaue Zahlen über die Stimmung im Wahlkreis hat, winkt Jan Müller von der Universität Rostock ab. “Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird Merkel einige Stimmen verlieren, aber den Wahlkreis direkt gewinnen”, sagt der Politologe. “Ich sehe keine echte Anti-Merkel-Stimmung.”

Die ist auch nicht zu hören, wenn man sich in der Fußgängerzone der Studentenstadt Greifswald umhört. AfD-Plakate sind in der Stadt ohnehin kaum zu finden. Die wenigen hängen in NPD-Manier sehr weit oben an Laternenmasten. Als Merkel auf dem Fischmarkt mit ihrer Rede beginnt, lässt die AfD ein Flugzeug mit dem Banner “AfD wählen” über die Stadt kreisen. Aber anders als in Sachsen oder Thüringen gibt es hier bei Merkels Auftritt nur eine Handvoll Störer, die schnell übertönt werden. Auch auf weiteren Stationen der CDU-Chefin an diesem Tag gibt es nur vereinzelt Protest. “Ich weiß nicht, ob die AfD-Strategie aufgeht. Die Leute in der Region wollen nicht manipuliert werden”, schätzt SPD-Politikerin Steffen die Stimmung ein.

Aber der Politologe Müller sieht durchaus die Möglichkeit, dass Holm mit seinem moderaten Image und seiner Medienerfahrung auf dem zweiten Platz hinter Merkel landen könnte. Denn die Stimmung in den ländlichen Regionen mit immer noch relativ hoher Arbeitslosigkeit oder an strukturschwachen Orten wie Wolgast könne eben eine ganz andere sein als in boomenden Städte wie Stralsund. “Es gilt immer noch, dass die AfD als ‘Unmutsstaubsauger’ angesehen wird”, erläutert Müller.

Holms Gegenkandidatinnen zeigen sich wenig beeindruckt. Bei den wenigen Auftritten bei Podiumsdiskussionen im Wahlkreis werde schnell deutlich, dass er in Region nicht verwurzelt sei, sagen sowohl die SPD- als auch die Links-Kandidatin. Genau das sei den bodenständigen Vorpommern aber sehr wichtig. Und da könne Merkel durchaus punkten, die den Wahlkreis seit 1990 immer direkt gewonnen hat. “Merkel wird nicht als fremd wahrgenommen, und sie hat sich in Berlin immer für die Region eingesetzt”, konstatiert Linkspartei-Politikerin Kassner. Schließlich geht es bei Direktwahl auch um Frage, welche Abgeordnete im Bundestag aus Sicht der Wähler das meiste in der Hauptstadt bewirken kann. Da hat Merkel als Kanzlerin große Möglichkeiten.

Aber selbst der betont gelassen auftretenden Kanzlerin merkt man an, dass der AfD-Angriff auf ihr Kernland einen Unterschied macht. Die Zahl der Wahlkampftermine, die Merkel derzeit in der ganzen Republik absolviert, ist mit über 60 Großveranstaltungen ohnehin erheblich. Aber die CDU-Chefin hat auch Unions-Größen wie Wolfgang Schäuble, Volker Kauder und Horst Seehofer in den Norden beordert, damit die Union vor allem gegenüber der AfD Flagge zeigt.

Und sie selbst widmet einen erheblichen Teil ihrer Zeit der Mandatsverteidigung. Allein am Donnerstag besucht Merkel erst ein Hospiz in Greifswald, redet dann vor ein paar Hundert Zuhörern auf dem Fischmarkt, bevor sie ein Pharmaunternehmen in der Region besucht. Dann geht es direkt zu “Karl’s Erlebnishof” im Nachbarwahlkreis, wo sie auf Tausende Touristen und Familien trifft und die im Wahlkampf wichtigen Bilder produziert. Für die Kameras lässt sie sich bei der Produktion von Erdbeermarmelade filmen. Nach gefühlten Tausend Selfies mit Bürgern und deren Kindern springt sie ins Auto, um einige Kilometer weiter ein Leibniz-Institut für Nutztierforschung zu besuchen, danach folgt einen Hort.

Wahlkampf-Kärrnerarbeit mit oft nur wenigen Dutzend Wählern auch für die mächtige Frau Europas, die eben nicht nur ihren Posten als Kanzlerin, sondern auch das Direktmandat verteidigen muss. Denn auch sie weiß: Der Verlust des Direktmandats wäre ein schmerzhafter Ansehensverlust, selbst wenn er ohne direkt Folgen bliebe. Denn um ihren Einzug in den Bundestag muss Merkel nicht bangen: Sie ist über Platz eins der CDU-Landesliste abgesichert.

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