July 23, 2018 / 1:49 PM / 5 months ago

Özil-Rückzug entzündet neue Debatte um Integration

- von Markus Wacket und Daren Butler

Soccer Football - World Cup - Group F - South Korea vs Germany - Kazan Arena, Kazan, Russia - June 27, 2018 Germany's Mesut Ozil looks dejected after the match REUTERS/Michael Dalder TPX IMAGES OF THE DAY

Berlin/Ankara (Reuters) - Mit seinem Rückzug aus der deutschen Nationalmannschaft hat Mesut Özil der Debatte über Integration neuen Zündstoff geliefert.

Während am Montag auf der einen Seite der Fall als Beispiel für eine gescheiterte Eingliederung genannt wurde, sprach sich die Regierung für Mäßigung aus: “Ich glaube auch nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland”, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD). Kanzlerin Angela Merkel ließ über eine Sprecherin wissen, Özil sei ein “toller Fußballspieler”, der viel für die Nationalmannschaft geleistet habe. Die Bewertung des Rückzugs überlasse man dem Deutschen Fußballbund (DFB). Dieser vewahrte sich gegen Rassismusvorwürfe, erneuerte aber seine Kritik am Umgang mit den gemeinsamen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Özil hatte seinen Rücktritt mit einem Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit begründet und auch den DFB dafür verantwortlich gemacht. Er und sein Kollege in der Nationalmannschaf, Ilkay Gündogan, hatten sich kurz vor der Präsidentenwahl in der Türkei mit Erdogan getroffen und ihm Trikots ihrer jeweiligen Vereinsmannschaft überreicht. Gündogan widmete es “seinem Präsidenten”. Dies war unter anderem als Wahlkampfhilfe für Erdogan kritisiert worden, dem Missachtung von Menschenrechten und der Pressefreiheit vorgeworfen wird. Özil verteidigte das Foto als Respektbezeugung gegenüber dem Präsidenten des Landes seiner Vorfahren.

Die türkische Regierung feierte die Entscheidung des in Gelsenkirchen geborenen Weltmeisters von 2014. Justizminister Abdulhamit Gül schrieb auf Twitter: “Ich gratuliere Mesut Özil für das schönste Tor, das er mit dem Verlassen des deutschen Nationalteams gegen das Virus des Faschismus erzielt hat.” Sportminister Mehmet Kaspoglu ergänzte: “Wir unterstützen von ganzem Herzen die ehrenhafte Haltung, die unser Bruder Mesut Özil gezeigt hat.”

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Adam Mazyek, sagte dem Portal “t-online.de”, man könne das Foto mit Erdogan kritisch sehen. “Aber was sich an Bergen von Respektlosigkeit, Vorurteilen und Rassismus danach über den Weltmeister und einen der Besten unserer Mannschaft ergoss, ist beispiellos, niederschmetternd und niederträchtig.”

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sah den Fall dagegen als Beleg, dass die deutsche Politik zur Eingliederung von Migranten gescheitert sei: “Integrations-Träumerei funktioniert nicht einmal bei Fußball-Millionären!” Özil stehe “für die gescheiterte Integration von viel zu vielen Einwanderern aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis”.

DFB WEHRT SICH GEGEN RASSISMUS-VORWÜRFE

Özil hatte in seiner Erklärung auch den DFB und dessen Präsident Reinhard Grindel direkt angegriffen. In dessen Augen sei er “ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren”. Der DFB erklärte, es gehöre für den Verband zu einem respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass er manche in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lasse. “Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht wird, weisen wir aber mit Blick auf seine Repräsentanten, Mitarbeiter, die Vereine, die Leistungen der Millionen Ehrenamtlichen an der Basis in aller Deutlichkeit zurück.” Man bedaure den Abschied Özils aus der Nationalmannschaft. Sein Foto mit Erdogang habe aber bei vielen Menschen Fragen aufgeworfen. Der DFB räumte ein, auch er habe mit seinem Umgang mit dem Thema dazu einen Beitrag geleistet. Özil hätte aber so wie Gündogan Antworten zu diesem Foto geben sollen.

JOURNALISTENVERBAND: FOTO MIT ERDOGAN IST POLITISCHE AUSSAGE

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) verwahrte sich gegen pauschale Kritik Özils, Medien hätten ihn nicht wegen seiner sportlichen Leistung, sondern wegen seiner Herkunft kritisiert. Özil müsse hier Ross und Reiter nennen, forderte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Richtig sei, dass die deutschen Medien kritisch hinterfragt hätten, warum sich Özil mit dem türkischen Präsidenten habe ablichten lassen. “Anders als Özil behauptet, ist ein gemeinsames Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch”, sagte Überall.

Özils Sponsor Adidas sieht unterdessen keinen Grund, die Zusammenarbeit zu beenden: “Wir bedauern, dass Mesut Özil nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen wird”, sagte ein Sprecher. “Als Markenbotschafter bleibt er selbstverständlich ein Mitglied der adidas Familie.” Özil trägt seit 2013 Adidas-Fußballschuhe. Grundlage ist ein millionenschwerer, noch bis 2020 laufender Vertrag. Daimlerdagegen, Hauptsponsor des DFB, hielt sich bedeckt. “Wir werden uns die Vorwürfe von Mesut Özil gegenüber den Medien, dem DFB und den Sponsoren in Ruhe ansehen, bewerten und anschließend entscheiden”, kündigte ein Sprecher an. Özil hatte den Konzern angegriffen, weil er nach den Erdogan-Fotos in Werbekampagnen für die WM nicht mehr berücksichtigt wurde.

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