April 16, 2014 / 8:24 AM / 6 years ago

BIZ-Chefökonom hält Deflationsangst für überzogen

- von Andreas Framke und Eva Taylor

Basel (Reuters) - Der Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Claudio Borio, hält die Angst vor einem gefährlichen Preisverfall in der Euro-Zone für übertrieben.

“Man kann die Gefahr einer Deflation leicht überschätzen”, sagte Borio in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Eine Deflation als sich selbst verstärkende Abwärtsspirale der Preise sei “etwas völlig anderes” als der graduelle Rückgang des Preisniveaus, wie er in einigen Ländern der europäischen Währungsunion stattfinde, sagte der Ökonom in Basel.

Viele Ökonomen aus dem angloamerikanischen Raum und der Internationale Währungsfonds (IWF) sehen die Euro-Zone am Rande einer Deflationsspirale. Sie fordern deshalb von der Europäischen Zentralbank (EZB), die Notenpresse anzuwerfen. Borio warnte dagegen, sich vom Schreckgespenst der Deflation verrückt machen zu lassen. “Man sollte vorsichtig sein, dieses Wort allzu zu oft zu benutzen. “Deflation als Begriff ist zu emotional besetzt und deshalb nicht hilfreich, wenn es darum geht, rational zu denken.” Eine echte Deflation, wie in den 1930er-Jahren in den USA, als die Preise um 30 Prozent sanken, sei “eher die Ausnahme als die Regel”.

Damals führten ebenso wie in Japan in den 1990er Jahren fallende Preise und Löhne dazu, dass Privatleute und Unternehmen nicht mehr konsumierten und investierten, weil sie auf weiter sinkende Preise spekulierten. Dies würgte die Konjunktur ab. In der Euro-Zone fielen die Preisen zuletzt zwar nur in einigen Krisenländern wie beispielsweise Griechenland oder Spanien. Aber die Teuerung lag insgesamt im März lediglich bei 0,5 Prozent und damit weit vom Ziel der EZB entfernt. Sie peilt eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an - als Puffer gegen eine Deflationsspirale. Gegen die können Zentralbanken nur sehr wenig ausrichten.

Um gegenzusteuern, hatte die EZB bereits im November ihren Leitzins auf rekordniedrige 0,25 Prozent gesenkt und betont, dass sie bereit sei, noch weit mehr zu tun. Zuletzt erklärten die Notenbanker, dass sie auch massiv Geld in die Volkswirtschaft pumpen könnten, um eine Deflation zu verhindern - für die sie allerdings gegenwärtig noch keine Anzeichen sehen. Zahlreiche Ökonomen bei Forschungsinstituten und Banken und auch namhafte Notenbanker rechnen nämlich schon im April wieder mit etwas höheren Preisen - unter anderem wegen des in diesem Jahr späten Osterfests und der damit verbundenen Saisoneffekte.

“EZB VOR BESONDEREN HERAUSFORDERUNGEN”

Borio sieht die EZB dennoch vor schwierigen Entscheidungen, die sie möglichst ohne Einflüsterungen von außen treffen soll: "Die EZB steht gegenwärtig vor besonderen Herausforderungen. Es ist wichtig, dass die Autonomie der Notenbanken respektiert wird." Zuletzt hatte der IWF eine Lockerung der Geldpolitik verlangt und sich von EZB-Präsident Mario Draghi dafür eine Rüge eingefangen. Aus Frankreich kamen zudem Warnungen wegen des jüngsten EuroEUR=-Anstiegs. Dieser wird allerdings auch von der Notenbankern kritisch gesehen, weil eine starke Währung über niedrigere Importpreise das Preisniveau drückt.

EZB-Präsident Draghi, Bundesbank-Chef Jens Weidmann und andere Geldpolitiker hatten deshalb zuletzt immer wieder mit Worten versucht, auf den Devisenmärkten eine weitere Aufwertung des Euro zu verhindern. Weidmann kann sich vorstellen, dagegen im Ernstfall mit Strafzinsen für Banken vorzugehen, die diese bezahlen müssten, wenn sie Geld bei der EZB parken statt es zu verleihen. Das Kalkül: Dieses Signal könnte Kapitalimporte in die 18 Euro-Länder unattraktiver machen, die den Euro derzeit steigen lassen.

BIZ-Chefvolkswirt Borio sieht das genauso, beurteilt die Erfolgsaussichten einer solchen Aktion, bei der die EZB rein technisch ihren sogenannten Einlagesatz in negatives Terrain senken würde, aber skeptisch: “Zum Tango-Tanzen gehören immer zwei.” Wie immer hänge die Nachhaltigkeit des Effekts also davon ab, was andere Länder parallel machten. Zudem könne man mit dem Einlagesatz nicht besonders weit runtergehen, sagte Borio. “Die Stärke des Effekts ist damit hochgradig unsicher.”

Redigiert von Christian Götz

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