December 4, 2008 / 2:46 PM / 9 years ago

EZB senkt Leitzins wegen Rezession so stark wie nie

Brüssel/Frankfurt (Reuters) - Die Europäische Zentralbank (EZB) kämpft mit der größten Zinssenkung ihrer Geschichte gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise.

European Central Bank (ECB) Chairman Jean-Claude Trichet presides over an ECB Governors Council meeting in Brussels December 4, 2008. REUTERS/Dirk Waem/Pool (BELGIUM)

Wie die EZB am Donnerstag entschied, sinkt der Leitzins um 75 Basispunkte auf 2,5 Prozent. Zur weiteren Zinspolitik hielt sich EZB-Chef Jean-Claude Trichet bedeckt: “Zu Januar sage ich nichts.”

Die Finanzmärkte rechnen dann jedoch mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik: 44 von 51 von Reuters befragte Ökonomen gehen von einem solchen Schritt aus, die Mehrheit von ihnen erwartet sogar eine Senkung um 50 Basispunkte.

Trichet begründete den kräftigen Zinsschritt nach der Sitzung der nationalen Notenbankchefs der Euro-Länder und der Führungsspitze der EZB in Brüssel mit der sich verschlimmernden Wirtschaftslage. Der EZB-Rat sei sich einig gewesen, das die Entspannung bei der Teuerung anhalte, die Risiken für die Konjunktur aber weiter zugenommen hätten. Er habe zwar Grund zu der Annahme, dass sich die Wirtschaft wieder erholen werde. 2009 werde aber insgesamt negativ gesehen.

Es müsse nun sichergestellt werden, dass die jüngsten Zinssenkungen von 175 Basispunkten binnen zwei Monaten voll bei der Wirtschaft ankämen, erklärte Trichet. Die Banken, die normalerweise einen sinkenden Leitzins über niedrigere Kreditkosten weitergeben würden, seien wegen der Finanzkrise aber in einer außergewöhnlich schwierigen Lage, räumte der Notenbankchef ein.

Die EZB hat den Leitzins noch nie in ihrer zehnjährigen Geschichte so stark bewegt. Üblich waren seit Einführung des Euro bislang Schritte von 25 oder maximal 50 Basispunkten. So niedrig war der Schlüsselzins für die Refinanzierung der Banken bei der EZB zuletzt im Frühsommer 2006.

European Central Bank Chairman Jean-Claude Trichet (3rd R) presides over an European Central Bank (ECB) Governors Council meeting in Brussels December 4, 2008. REUTERS/Dirk Waem/Pool (BELGIUM)

EZB-ÖKONOMEN: 2009 WIRD RABENSCHWARZES JAHR

Mit in die Überlegungen, die zu der überraschend kräftigen Zinssenkung führten, flossen auch die aktualisierten Prognosen der EZB-eigenen Ökonomen ein. Sie wurden kräftig nach unten revidiert. Im kommenden Jahr erwarten die Experten nun einen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität in den nach dem Beitritt der Slowakei dann 16 Euro-Ländern, sagte Trichet. Noch vor drei Monaten hatten die Volkswirte ein Wachstum von 1,2 Prozent prognostiziert. 2010 gibt es allerdings die Chance auf eine Erholung nach einem rabenschwarzen 2009.

Die Finanzmärkte hatten angesichts der Beschleunigung des Wirtschaftsabschwungs in den vergangenen Wochen auf eine kräftige Lockerung der Geldpolitik gehofft, nachdem die EZB im Oktober und November den Leitzins in zwei Schritten von je einem halben Prozentpunkt gekappt hatte. Bereits am Mittag hatte die Bank von England ihren Leitzins auf zwei Prozent gesenkt. Zuvor hatten die schwedische Riksbank und die Notenbank Neuseelands jeweils Rekord-Zinssenkungen vorgenommen und damit den Druck auf die EZB und die Londoner Währungshüter erhöht.

LOB FÜR DEUTLICHE ZINSSENKUNG ÜBERWIEGT

Uwe Angenendt von der BHF-Bank reagierte dennoch enttäuscht auf den Beschluss: “Ich hätte mir auch einen stärkeren Schritt nach unten vorstellen können, glaube aber, dass das in den nächsten Sitzungen fortgesetzt wird.” Dem widersprach Ifo-Chef Werner Sinn im Reuters-Interview indirekt: “Das war der richtige Schritt, auch wenn der so groß ausfiel. Jetzt reicht es für den Moment. Es muss ja noch ein bisschen Pulver im Topf bleiben, das man dann bei Gelegenheit verschießen kann, wenn es noch schlimmer kommen sollte.”

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und der Chef der Euro-Gruppe, Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, lobten die EZB für ihre Entscheidung. Glos sprach von einem “vertrauenfördernden Signal”. Bankenverbände reagierten ebenfalls positiv. Kritik kam von Dierk Hirschel, Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Er bemängelte, die EZB sei zu zaghaft im Kampf gegen die Krise. “Die EZB muss schnell runter auf ein Prozent - so wie die US-Notenbank.”

Die Währungshüter in Washington entscheiden in knapp zwei Wochen über den Leitzins, den sie drastisch gekappt hatten. Wenn der Zins für Zentralbankgeld sinkt, verbilligen sich Kredite für Unternehmen und Haushalte und die Wirtschaft wird auf diese Weise angeschoben. Die Kehrseite der Medaille: Sparguthaben werden von den Banken niedriger verzinst.

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below