January 25, 2008 / 6:29 PM / 11 years ago

Nach Handelsskandal wächst Druck auf Societe Generale

Paris/Frankfurt (Reuters) - Nach dem milliardenschweren Handelsskandal bei Societe Generale wächst der Druck auf die französische Großbank, die Hintergründe der Vorgänge zu erklären.

Ministerpräsident Francois Fillon übte am Freitag offene Kritik an der Kommunikation des Bankvorstands. “Ich wurde wie alle anderen staatlichen Stellen erst am Mittwoch in Kenntnis gesetzt - die Regierung hätte vielleicht früher informiert werden müssen”, sagte er in Luxemburg. Banker und Politiker rätseln zudem, warum die Bank den bislang größten Wertpapierhandels-Skandal der Geschichte nicht verhindern konnte. Sie warnten vor einer Verschärfung der Vertrauenskrise.

Staatspräsident Nicolas Sarkozy warb derweil für die Sicherheit des französischen Finanzsystems. Der “riesige interne Betrug” bei dem zweitgrößten Geldhaus des Landes stelle die Zuverlässigkeit und solide Verfassung der Branche nicht infrage, sagte er in seinem ersten Kommentar zu dem Fall.

Societe-Generale-Vorstandschef Daniel Bouton entschuldigte sich bei den Aktionären für die Verluste von 4,9 Milliarden Euro, die ein einziger Händler durch komplexe Derivatgeschäfte verursacht haben soll. “Ich kann ihre Enttäuschung und Wut gänzlich nachvollziehen. Diese Situation ist vollkommen inakzeptabel”, erklärte er in ganzseitigen Anzeigen in Frankreichs führenden Zeitungen. Ein Rücktrittsgesuch Boutons hatte die Bank abgelehnt. Einige Branchenexperten bezweifeln jedoch, dass der Vorstandschef seinen Posten noch lange behalten kann.

Gewerkschaften und Vertreter von Kleinaktionären hegen Zweifel an der Darstellung der Bank, es handle sich um einen “außergewöhnlichen Betrug” eines einzelnen Händlers. Die Frage sei, ob der Banker als Sündenbock für Fehler im Risikomanagement der Bank herhalten solle, sagte ein Anwalt. Händlern zufolge handelt es sich um den 31-Jährigen Jerome Kerviel, der von Kollegen als unscheinbar und enorm fleißig beschrieben wird. Die Bank selbst bestätigt den Namen nicht. Experten zufolge ist es völlig unverständlich, dass ein einzelner Mitarbeiter unentdeckt mit solchen Summen hantieren konnte. “Da hätten doch viel früher auch bei anderen Marktteilnehmern alle Alarmglocken schrillen lassen müssen”, sagte Fondsmanager Frederic Hamm von Agilis Gestion.

Nach Darstellung von Societe Generale hatte ein Banker Handelspositionen aufgebaut, die weit über sein erlaubtes Limit hinausgegangen seien. Diese wurden dann am Montag, als die Börsen weltweit abstürzten, mit massiven Verlusten geschlossen. Der Händler und seine Vorgesetzten wurden entlassen. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer wies Spekulationen zurück, ein Großteil der Verluste gehe in Wirklichkeit auf die Kreditkrise zurück. Das Institut hatte zusätzlich Abschreibungen über zwei Milliarden Euro wegen der Turbulenzen an den Märkten eingeräumt.

“EINE KULTUR DER PRIMADONNEN”

Hochrangige Banker befürchten einen Imageschaden für die Finanzindustrie. “Das Ganze schadet dem Bankgeschäft enorm in einer Zeit, in der die Menschen sich ohnehin große Sorgen über Risiken machen”, sagte der Chef der italienischen Großbank Intesa Sanpaolo, Corrado Passera, am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Der Investmentbanking-Chef einer europäischen Großbank monierte: “Wir haben keine Banken-Kultur mehr, wir haben eine Kultur der Primadonnen. Sie wollen nur Macht, und es muss immer größer und schneller gehen.” Hochrangige Zentralbanker warnten vor einem weiteren Verlust von Vertrauen in die Finanzbranche.

Der Skandal bei Societe Generale wirft nach Ansicht von Experten vor allem die Frage auf, ob die Risikomanagement-Systeme der Banken ausreichend sind. “Wir müssen uns anschauen, ob andere Institute nicht auch verwundbar sind und sich mit der selben Krankheit infizieren können”, sagte der Direktor des Peterson-Instituts für internationale Wirtschaft, Fred Bergsten. EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy hält neue Regeln zur Risikokontrolle vorerst jedoch nicht für notwendig. “Der wichtige Punkt ist, daran zu erinnern, dass es ein Betrugsfall war. Diese Dinge passieren”, sagte McCreevy der Nachrichtenagentur Reuters.

In Deutschland halten sich Banken bislang zurück mit Äußerungen zu dem Fall bei Societe Generale. Noch wisse keiner, was dort tatsächlich passiert sei, hieß es bei Großbanken in Frankfurt unisono. Die BaFin versicherte, es gebe hierzulande ein engmaschiges Netz an gesetzlichen Vorschriften für Handelsgeschäfte. Kriminelle Energie bei einzelnen Menschen sei jedoch nie komplett auszuschließen.

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