July 13, 2015 / 11:20 AM / 4 years ago

Wirtschaft kritisiert Hellas-Deal - Ökonomen skeptisch

European Council President Donald Tusk (L), German Chancellor Angela Merkel (2nd R) and French President Francois Hollande (R) take part in a euro zone EU leaders emergency summit on the situation in Greece, in Brussels, Belgium, July 7, 2015. Greek Prime Minister Alexis Tsipras launched a desperate bid to win fresh aid from sceptical creditors at the emergency euro zone summit on Tuesday, before his country's banks run out of money. REUTERS/Olivier Hoslet/Pool

Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft und führende Ökonomen halten den Schuldenstreit mit Griechenland trotz der Verständigung auf ein neues Hilfsprogramm noch lange nicht für gelöst.

“Die europäischen Steuerzahler werden wieder einmal genötigt, für viel Geld ein bisschen Zeit zu erkaufen”, sagte der Präsident des Verbandes der Familienunternehmer, Lutz Goebel, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. “Das ist Insolvenzverschleppung. Griechenland wird seine Schulden nie zurückzahlen können. Es wird nur weiteres Geld ins Feuer geworfen.” Der Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht zumindest “einen ersten Hoffnungsschimmer”, sagte Präsident Eric Schweitzer.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bewertet die Übereinkunft ebenfalls nicht als endgültigen Durchbruch. “Es wäre verfrüht, die Einigung als einen Erfolg anzusehen”, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. “Es ist lediglich ein erster Schritt, die wirtschaftliche Abwärtsspirale Griechenlands aufzuhalten.” Ökonomen von Banken sehen das ähnlich. “Die Kuh ist nicht vom Eis, aber das Eis ist dicker geworden”, sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. “Es wird nicht leicht sein, diese Einigung umzusetzen - insbesondere für die griechische Seite.”

Nach einer Marathonsitzung einigten sich die Staats- und Regierungschefs am Montagmorgen auf die Umrisse eines neuen Hilfsprogramms. Binnen drei Jahren sollen weitere 82 bis 86 Milliarden Euro nach Athen fließen. Im Gegenzug muss die griechische Regierung Sofortmaßnahmen wie eine Mehrwertsteuer- und eine Rentenreform beschließen. Der DIHK forderte Griechenland auf, die vereinbarten Reformen nun auch durchzusetzen. “Die griechische Regierung muss jetzt dringend liefern und das zerstörte Vertrauen wieder aufbauen”, sagte Schweitzer. “Dazu gehört, dass es keinerlei Abweichen von dem verabredeten Pfad geben darf.”

BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels hält das Risiko eines Euro-Abschieds von Griechenland nach wie vor für größer als die Chancen für einen Verbleib in der Währungsunion. “Dieser Gipfel hat den ‘Grexit’ jetzt verhindert”, sagte er. “Aber es wird unglaublich schwer sein, die genannten Sofortmaßnahmen als auch die folgenden Reformen in Griechenland durchzusetzen. Die Folgerung daraus lautet: ‘Grexit’ nicht heute, aber später.”

Die harten Verhandlungen haben zudem die Risse zwischen den Euro-Ländern deutlich gemacht, urteilten andere Experten. “Der Euro-Raum ist tief gespalten”, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. “Deutschland und die nordosteuropäischen Länder wollen eine Währungsunion nach dem Maastricht-Vertrag, der auf solide Staatsfinanzen, Marktwirtschaft und eine unabhängige Zentralbank setzt. Dagegen wollen die südlichen Länder unter Führung Frankreichs eine Währungsunion ohne konsequente Haushaltsregeln und eine Zentralbank, die nach der Pfeife der Politiker tanzt.” Dies werde die Europäische Zentralbank (EZB) weiter dazu zwingen, die ungelösten Probleme der Währungsunion mit einer lockeren Geldpolitik zu übertünchen.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler Henrik Enderlein befürchtet negative Folgen für die Währungsunion. “Die Art, wie der ‘Grexit’ abgewendet wurde, ist sicherlich keine gute”, sagte der Direktor des Jacques-Delors-Instituts in Berlin zu Reuters TV. “Denn es hat zu einer Eskalation geführt in Europa.” Solche Konflikte sollten im Kern eines so wichtigen politischen Projekts eigentlich nicht mehr vorkommen. “Ich bin tief enttäuscht von allen Seiten, dass man einen solchen Kampf, eine solche Eskalation hat entstehen lassen in einer Situation, in der ein kühler Kopf, Nüchternheit vielleicht bessere Berater gewesen wären als Hitzigkeit.”

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below