11. September 2017 / 08:52 / in 2 Monaten

HINTERGRUND-Henne oder Ei? Für E-Autos fehlen Zehntausende Ladesäulen

München (Reuters) - Das eigene Auto steht für viele Menschen für Freiheit.

An E-Golf is charged at a station in front of solar panels at the plant of German carmaker Volkswagen in Wolfsburg, Germany May 20, 2016. REUTERS/Fabian Bimmer

Setzt sich ein Fahrer in Flensburg ans Steuer, scheint er die Gewissheit zu brauchen, problemlos bis nach Garmisch-Partenkirchen gelangen zu können. Dass er auf den rund tausend Kilometern auch mal Sprit nachtanken muss - kein Thema. Die nächste Tankstelle kommt bestimmt. Sollen aber die knapp 20 Kilometer, die Berufstätige in Deutschland im Schnitt auf dem Weg zur Arbeit zurücklegen, im Elektroauto bewältigt werden, macht das viele Fahrer schon nervös: Wo steht die nächste Ladesäule? Ist sie frei? “Eine ausgebaute Ladeinfrastruktur ist der Schlüssel für den Erfolg der Elektromobilität”, betonen Experten vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in einer Studie.

Die Wissenschaftler haben untersucht, wie viele öffentliche Ladepunkte in Deutschland bis zum Jahr 2020 benötigt werden, sollten dann tatsächlich - wie es die Politik anpeilt - eine Million Fahrzeuge mit Batterie-Antrieb auf den Straßen rollen. Die Zahl der Stromtankstellen müsste dafür nach Berechnungen der Forscher rund fünf Mal so groß sein, wie sie es heute ist: 35.000 öffentliche und sogenannte halböffentliche Ladepunkte, etwa beim Einkaufen, würden gebraucht. Zusätzlich seien bis zu 4.000 Schnellladesäulen für den Alltagsverkehr empfehlenswert - davon gibt es derzeit nur knapp 300.

Die Wissenschaftler raten, das Netz rasch auszubauen, auch weil sichtbare Infrastruktur das Vertrauen in die E-Mobilität steigere. Die von der Bundesregierung ins Leben gerufene “Nationale Plattform Elektromobilität” (NPE) hält 2020 sogar 70.000 öffentliche Ladepunkte - also fast zehn Mal so viele wie bisher - sowie 7.100 Schnellladestationen für nötig.

Der Weg zur Elektromobilität auf breiter Basis ist noch sehr weit, da sind sich alle Fachleute einig: 34.000 E-Autos waren zum Jahresende in Deutschland zugelassen und gut 165.000 Hybrid-Pkw. Nicht nur die aus Kundensicht zu geringe Reichweite bremst den Verkauf von E-Autos. Die Fahrzeuge sind oft auch teurer als solche mit Benzin- oder Dieselmotor, zudem gibt es deutlich weniger Auswahl. Ob erst neue Modelle für Schwung beim Absatz sorgen müssen, oder erst die Infrastruktur auszubauen ist - das bleibt das ungelöste Henne-Ei-Problem der Branche.

Voran geht es nur im Schritttempo: Die deutschen Autobauer wollen bis 2020 ihr Angebot an E-Auto-Modellen auf rund 100 mehr als verdreifachen; die nächste Generation soll mit einer Akkuladung 500 bis 600 Kilometer weit fahren können. Die Zahl der öffentlichen Ladepunkte wächst, liegt aber derzeit erst bei gut 7400.

DIE KRÄFTE BÜNDELN

Dass es so langsam vorwärts geht, hat Experten zufolge einfache Gründe: “Heute verdient man mit Ladesäulen noch kein Geld”, erläutert Jens Lorkowski vom Beratungsunternehmen Oliver Wyman. Energieversorger, Autobauer und Kommunen hätten deshalb lange halbherzig nach cleveren Ansätzen gesucht - und die jeweils anderen für zuständig erklärt. “Bisher haben alle Beteiligten die heiße Kartoffel hin- und hergeschoben”, kritisiert auch Klaus Schmitz von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Doch damit sei nun Schluss: “Die Autobauer nehmen das jetzt zusammen mit Partnern selber in die Hand. Sie können nicht warten.”

Während der amerikanische Elektroauto-Pionier Tesla dies längst anbietet, schaffen die Autobauer BMW, Daimler, Ford und Volkswagen mit den Töchtern Audi und Porsche gerade gemeinsam ein europaweites Netz an Schnellladestationen. 400 Ladepunkte sind im ersten Schritt geplant, bis 2020 sollen es Tausende werden. Insidern zufolge laufen Verhandlungen mit Energieversorgern wie E.ON, der RWE-Tochter Innogy und Industriekonzernen wie Siemens.

Um die immer strengeren Abgasziele zu erreichen, müssen die Hersteller mehr Elektroautos verkaufen. Das klappt nur, wenn die Fahrer sicher sein können, dass sie ihren Stromer im Alltag mit überschaubarem Aufwand laden können. “An einer Tankstelle verbringt ein Kunde etwa sieben Minuten”, sagt Berater Lorkowski. “Alles, was länger dauert, empfinden die Nutzer zunächst als Verschlechterung.” An einer normalen Ladesäule kann das Stromtanken indes mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Akzeptabel für Kunden ist nach Ansicht der Fachleute für 80 Prozent Ladung eine Dauer von 15 bis 20 Minuten - so lange wie eine entspannte Kaffeepause, irgendwo zwischen Flensburg und Garmisch.

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