January 10, 2018 / 8:48 AM / a year ago

HINTERGRUND-Zwangsumsiedlungen als Wahlvorbereitung in Irak

Amrijat al-Falludscha (Reuters) - Die Soldaten kommen unangekündigt in das irakische Flüchtlingslager. Ihre Kommandeure verlesen Listen mit den Namen jener Leute, die in Heimatorte zurückkehren müssen, wie Vertreter von Hilfsorganisationen berichten.

Displaced Iraqi people are seen at the Amriyat al Fallujah camp in Anbar Province, Iraq January 3, 2018. Picture taken January 3, 2018. REUTERS/Khalid al-Mousily

Die haben dann eine Stunde Zeit, ihre Sachen zu packen und mitzugehen. Bis zu 5000 Menschen seien zwischen dem 21. November und dem 2. Januar zwangsumgesiedelt worden, sagen die Helfer, die anonym bleiben wollen. Oft sind die Heimatorte der Flüchtlinge, in denen früher die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) herrschte, nicht sicher. Den Flüchtlingen bleibe aber keine Wahl, sagen die Helfer. Sie könnten angesichts eines Trupps bewaffneter Soldaten nicht Nein sagen.

Für den Armeesprecher, Brigadegeneral Jahja Rasul, sind die Vorwürfe der Zwangsumsiedlung übertrieben. “Unsere erste Sorge gilt der Sicherheit unserer Bürger. Unser Job ist es, Menschen zu schützen”, betont er. Dennoch, die Bürger müssten nach der Zerschlagung des IS auch wieder nach Hause gehen.

Diese Order geht offenbar von der Regierung in Bagdad aus. Die Befehle kämen aus dem Büro von Ministerpräsident Haider al-Abadi sagten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und beriefen sich dabei auf lokale Militärkommandeure. Abadis Sprecher reagierte auf eine Bitte um Stellungnahme nicht.

UMSIEDLUNG ALS WAHLVORBEREITUNG STATT SICHERER RÜCKKEHR

Mehr als zwei Millionen Menschen sind im Laufe des Krieges gegen den IS aus ihren Heimatorten in Irak vertrieben worden oder geflüchtet. Ihre Rückführung stellt die Regierung vor immense Herausforderungen. Kritiker werfen Abadi jedoch vor, für ihn habe seine Wiederwahl Priorität vor der Sicherheit der Menschen. Derzeit schwimmt der Regierungschef auf einer Welle der Popularität, getragen vom Sieg über den IS. Dies käme ihm bei einer Wahl sicher zugute. Um daran teilnehmen zu können, müssen die Iraker aber in ihren Heimatorten sein. Ansonsten müsste die Abstimmung verschoben werden. Die Regierung scheint daher Druck zu machen.

KONZEPT KÖNNTE NACH HINTEN LOSGEHEN

Doch diese Politik birgt Risiken. Ein Schicksal wie das von Saleh Ahmed könnte die Wähler eher gegen Abadi aufbringen. Der 37-jährige Ahmed musste mit seiner Frau und einigen Kindern am 25. November in seine Heimatstadt Betaja zurückkehren, wie sein im Lager verbliebener Vater Mahdi Ahmed erzählte. Sie wollten nicht, denn sie hätten erfahren, dass ihre Häuser zerstört und das Gebiet vom IS vermint sei, sagte er. Ein Offizier habe ihnen aber gesagt, es sei sicher, und außerdem sei es besser, “in einem Zelt auf eigenem Grund zu leben als in einem Zelt im Flüchtlingslager”. Schließlich seien sie auf den Lastwagen gestiegen und gefahren.

“Sie haben ihm ein Zelt gegeben, und er ist zu unserem zerstörten Haus zurückgegangen. Auf dem Grundstück hat er versucht, es aufzubauen”, berichtete der 72-jährige Vater im Flüchtlingslager Amrijat al-Falludscha. Dabei sei ein Sprengsatz explodiert. Salehs Frau sei sofort tot, seine Tochter am ganzen Körper verbrannt gewesen. Saleh selbst habe ein Auge verloren, dass andere sei schwer verletzt. Sein Sohn habe alles mit angesehen.

Die Geschichte ist kein Einzelfall. Der 17-jährige Abdallah berichtete, seine Familie sei ebenfalls zwangsumgesiedelt worden. Eine Woche später sei sie von maskierten Männern überfallen worden. Sie seien ins Haus eingebrochen und hätten um sich geschossen. Sein Vater sei am Bein verletzt worden, seine Mutter an der Hand, berichtete Abdallah. Die Familie habe nie erfahren, was die Männer wollten. “Es ist ja nicht so, dass wir nicht zurückkehren wollen, es muss aber sicher sein”, sagt der junge Mann, der jetzt mit einem Job in Falludscha allein die Familie ernähren muss.

Für viele ist es aber kaum möglich, in ihren Heimatorten Arbeit zu finden. Oft fehlt dazu die Gesundheitsversorgung. Ein Mann berichtete, sein nierenkranker Vater sei auf die Dialysetechnik im Flüchtlingslager angewiesen. In seinem Heimatdorf gebe es diese Möglichkeit nicht.

Bei Mahdi Ahmed jedenfalls hat die Regierung das Gegenteil ihres Ziel erreicht. “Sie machen es wegen der Wahl”, sagte er zu den Umsiedlungen. “Aber wenn ich zurückgehe und sehe, dass mein Haus zerstört, mein Geld weg und Leben ruiniert ist, warum sollte ich dann für sie stimmen?”

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below