March 25, 2015 / 11:29 AM / 4 years ago

HINTERGRUND-Iran weitet seine Macht vor der Atom-Einigung aus

Beirut (Reuters) - Mit jeder weiteren Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran im Atomstreit wächst die Sorge in den Golfstaaten.

Iran's Foreign Minister Javad Zarif (C) departs his hotel to return to Iran following days of negotiations with United States Secretary of State John Kerry over Iran's nuclear program in Lausanne, Switzerland March 20, 2015. Talks are scheduled to resume next week. REUTERS/Brian Snyder

Im Endspurt der Verhandlungen fürchten die sunnitischen Herrscher dort und in Ägypten nicht so sehr das Abkommen selbst, das bis Mitte des Jahres stehen könnte, sondern dessen Konsequenzen für die Machtverhältnisse im Nahen Osten. Denn der Iran nutzt seit Jahren die Krisen in der Region aus, um seinen Einfluss auszudehnen. Er ist tief in die Kriege in Syrien und dem Irak verwickelt und hat seine Hände auch im Libanon und im Jemen im Spiel.

Ein Atomabkommen mit dem Westen und die daraus folgende Lockerung der Sanktionen dürfte dem Iran einen weiteren Machtschub verleihen und seinen Gegenspieler Saudi-Arabien, den traditionellen US-Verbündeten in der Region, weiter schwächen. Einige sprechen bereits von einem neuen Versuch, ein persisch-schiitisches Imperium auf arabischem Boden zu gründen.

Als Drahtzieher hinter diesen Bemühungen gilt Generalmajor Kassem Soleimani, der Kommandeur der Al-Kuds-Brigade der iranischen Revolutionsgarde. Bis zum rasanten Vorstoß der sunnitische Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) im Irak im vergangenen Jahr war er praktisch unsichtbar. Doch seit er im Herbst aus dem Schatten trat, scheint der 60-Jährige auf den Schlachtfeldern des Nahen Ostens allgegenwärtig zu sein: Er wird auf Fotos abgebildet, wie er den Einsatz zur Rückeroberung der sunnitischen Stadt Tikrit vom IS kommandiert. Oder bei einer Beisetzung in Syrien, wo er einem getöteten Verwandten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad die letzte Ehre erweist.

In den vergangenen vier Jahren trug Soleimani maßgeblich dazu bei, Assad im Kampf gegen gemäßigte Aufständische und sunnitische Islamisten an der Macht zu halten. Ein anderes Foto zeigt den General betend am Grab von Dschihad Mughnijeh in Beirut. Der Sohn eines hochrangigen Anführers der vom Iran unterstützten Hisbollah war im Januar in Syrien getötet worden. Dort gelang es Soleimani, ein Netz regimetreuer Milizen zu knüpfen, das inzwischen das Fundament der Herrschaft Assads ist. Im Irak schmiedete der General nach dem IS-Vormarsch im Sommer ein ähnliches Bündnis aus Schiitenmilizen. Die Führung in Teheran spricht davon, mit Bagdad, Damaskus und Beirut drei arabische Hauptstädte in der Tasche zu haben. Das jemenitische Sanaa könnte bald die vierte sein.

DIE SORGEN DER SAUDIS

Dem Iran mag es ernst sein mit einem Atomabkommen, das seinen Status als Paria der Weltgemeinschaft und die Sanktionen beenden würde, die die Wirtschaft massiv lähmen. Aber zugleich weitet die islamische Republik ihren Machtbereich im ganzen Nahen Osten aus. Sunnitische Herrscher fürchten, dass die USA ihrem einstmaligen Erzfeind dabei nicht Einhalt gebieten werden, weil iranische Truppen und mit ihnen verbündete Milizen den Kampf gegen den IS im Irak und Syrien anführen.

Zwar versicherte US-Außenminister John Kerry den Saudis kürzlich, es werde keinen “großen Deal” mit dem Iran im Zuge eines Atomabkommens geben. Doch bei einer Pressekonferenz, in der Kerry die Rolle Soleimanis in Tikrit anerkannte, explodierte der saudische Außenminister Saud al-Faisal beinahe. “Die Situation in Tikrit ist ein hervorragendes Beispiel dafür, worüber wir uns Sorgen machen”, stellte der Prinz klar. “Der Iran übernimmt die Macht im Irak.”

Ähnlich äußert sich der Experte Sultan al-Kassemi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. “Das Atomankommen wird die Karten in der Region neu mischen - und ich glaube, es wird den Iran ermutigen, eine noch selbstbewusstere Außenpolitik zu verfolgen”, sagt er. “Es ist genau der ‘große Deal’, den es nach Kerrys Worten nicht geben soll. Es gibt dem Iran einen Blankoscheck im Tausch für leere Versprechen. Der Iran ist auf dem aufsteigenden Ast und im Irak, Syrien, Libanon und dem Jemen auf dem Vormarsch.”

Riad Kahwadschi, Leiter der Denkfabrik Inegma in Dubai, warnt vor einem “totalen Krieg” zwischen Sunniten und Schiiten. “Die Ereignisse im Irak, Syrien und dem Jemen zeigen, dass der Iran im Schatten des US-geführten Krieges gegen den Terror eine massive Offensive vorantreibt, um mehr strategische Tiefe zu gewinnen - bis hin zum Roten Meer und dem Mittelmeer”, sagt er.

GOLFSTAATEN ZWEIFELN AN DEN USA

Der frühere britische Botschafter in Saudi-Arabien, John Jenkins, hält die mangelnde Aufmerksamkeit der USA für die Region für besorgniserregend. “Die US-Präsenz dort ist so groß wie eh und je, aber die Golfstaaten stellen den Willen des Westens zu handeln infrage”, sagt der Experte, der heute für das Internationale Institut für Strategische Studien arbeitet. “Sie haben gesehen, was die Tatenlosigkeit der USA im Libanon und in Syrien angerichtet hat - und im Jemen fühlen die Saudis die Speerspitze bereits in ihrer Seite. Hinter dem Irak, Syrien, dem Libanon und dem Jemen steht der Iran.”

Während die USA sich bemühen, den Arabern ihre Verbundenheit zu versichern, gehen Experten davon aus, dass die Prioritäten der Führung in Washington anderswo liegen. “Obama will ein Atomabkommen erreichen, weil es die politische Hinterlassenschaft seiner Amtszeit wäre. Die Amerikaner sehen dabei nicht die regionalen Auswirkungen”, sagt Fawaz Gerges, ein Nahost-Experte an der London School of Economics. “Eine Einigung mit dem Iran würde den neuen Kalten Krieg zwischen Saudi-Arabien und seinen Verbündeten und dem Iran massiv verschärfen. Sie würde mehr Öl ins die in der Region tobenden Feuer gießen.”

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