September 14, 2012 / 4:38 PM / 7 years ago

Sudanesischer Mob stürmt deutsche Botschaft in Khartum

Khartum (Reuters) - Aus Wut über den Mohammed-Schmähfilm haben aufgebrachte Demonstranten die deutsche Botschaft in der sudanesischen Hauptstadt Khartum in Brand gesetzt.

Sudanese demonstrators protest in Khartoum after Friday prayers September 14, 2012. Sudanese demonstrators broke into the U.S. and German embassy compounds in Khartoum and raised Islamic flags on Friday in state-backed protests against a film that insults the Prophet Mohammad, witnesses said. REUTERS/Mohamed Nureldin Abdallah (SUDAN - Tags: POLITICS CIVIL UNREST RELIGION)

Zahlreiche Randalierer drangen am Freitag in das Botschaftsgebäude ein, zerschlugen Fenster, Mobiliar sowie Kameras und legten Feuer. Sie rissen das Botschaftswappen herunter und trampelten darauf herum. Die Angreifer hissten ein islamisches schwarzes Banner mit der weißen Aufschrift “Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet”. Die Polizei griff nicht ein, als die wütende Menge in die Botschaft einbrach. Bundesaußenminister Guido Westerwelle verurteilte den Angriff scharf und erklärte in Berlin, alle Mitarbeiter der Vertretung seien in Sicherheit. Aufgebrachte Demonstranten drangen auch auf das Gelände der US-Botschaft in Khartum vor, es waren Schüsse zu hören.

Gegen Abend eskalierten die Ausschreitungen in weiten Teilen der islamischen Welt: Demonstranten legten Feuer an der amerikanischen Schule in Tunis, auch auf dem Gelände der US-Botschaft in der tunesischen Hauptstadt brach ein Brand aus. Mindestens fünf Demonstranten wurden durch Schüsse der Polizei verletzt. Zuvor hatten die USA bereits die Entsendung von Marineinfanteristen auch in den Jemen angekündigt, um die Sicherheit der US-Botschaft dort zu gewährleisten. Weitere Proteste gegen den Mohammed-Film gab es in Ägypten, im Jemen, in Afghanistan, Malaysia, Bangladesch, Pakistan, Libanon, im Iran und im Irak. Am Dienstag waren bei einem Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi der amerikanische Botschafter und drei Mitarbeiter getötet worden, woraufhin Präsident Barack Obama zwei Zerstörer vor die Küste des Landes entsandte. Am Freitag kam in der nordlibanesischen Stadt Tripoli ein Mann nach Angaben aus Sicherheitskreisen ums Leben, als Demonstranten versuchten, ein Regierungsgebäude zu stürmen. Zwölf Angehörige der Sicherheitskräfte wurden durch Steinwürfe wütender Demonstranten verletzt.

FRIEDRICH: KEINE HINWEISE AUF ERHÖHTE ANSCHLAGSGEFAHR

Innenminister Hans-Peter Friedrich sagte, die Bundesregierung habe keine konkreten Hinweise auf eine gesteigerte Anschlagsgefahr in Deutschland wegen des umstrittenen Films, in dem der Prophet Mohammed als Kinderschänder, Schürzenjäger und Homosexueller geschmäht wird. Allerdings herrsche erhöhte Wachsamkeit und gesteigerte Aufmerksamkeit bei Behörden und Bürgern”, sagte der CSU-Minister der “Leipziger Volkszeitung”.

In Khartum demonstrierten rund 5000 Menschen vor der deutschen und der in unmittelbarer Nähe gelegenen britischen Botschaft gegen das aus den USA stammende Video. Warum sich die Proteste auf die deutsche und britische Botschaft konzentrierten, war zunächst nicht klar. Der Sudan hatte die Bundesregierung kritisiert, weil sie Demonstrationen von Rechtsextremisten mit Mohammed-Karikaturen zugelassen hatte. Außerdem wurde gerügt, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel 2010 den dänischen Künstler ehrte, der 2005 die Mohammed-Karikaturen gezeichnet hatte. Nach der Veröffentlichung der Bilder in einer dänischen Zeitung kam es zu einem weltweiten Gewaltausbruch, in dessen Verlauf mindestens 50 Menschen im Nahen Osten, Asien und Afrika ums Leben kamen.

Westerwelle forderte ein sofortiges Ende der Botschafts-Attacken. Die Empörung über den Film könne keine Rechtfertigung für Gewaltakte sein. “Ich verurteile diese Angriffe auf die deutsche Botschaft auf das Schärfste”, betonte er in Berlin. Von der sudanesischen Regierung verlangte Westerwelle die sofortige Wiederherstellung der vollen Sicherheit des Botschaftsgeländes, wie es internationalem Recht entspreche. Zugleich verurteilte der Außenminister das Mohammed-Video und zeigte Verständnis für “die Empörung in der islamischen Welt über dieses anti-islamische Hass-Video”.

VERSCHÄRFTE SICHERHEITSVORKEHRUNGEN

Erst am Morgen hatte das Auswärtige Amt erklärt, die Sicherheitsvorkehrungen an den deutschen Botschaften in islamischen Ländern seien wegen der Proteste erneut verschärft worden. Details wollte das Ministerium aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Am Freitag, dem islamischen Feiertag, sind ohnehin viele Botschaften geschlossen. In Diplomatenkreisen hieß es, zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Vertretung hätten sich keine deutschen Mitarbeiter dort aufgehalten.

Die deutschen Diplomaten waren offenbar gewarnt. Zwar hatte die offizielle Vertretung der Islamgelehrten im Sudan zu friedlichen Protesten aufgerufen, doch bei einem Islamisten-Treffen hatten einige Anführer einen Marsch auf die Botschaften der USA und Deutschlands angekündigt. Sie wollten die Ausweisung der Botschafter verlangen, erklärten sie. Das Auswärtige Amt hatte bereits am Morgen und damit vor den Protesten den sudanesischen Botschafter einbestellt und ihn unmissverständlich auf die Pflicht seiner Regierung zum Schutz diplomatischer Einrichtungen hingewiesen, wie das Ministerium erklärte.

Der Sudan hatte in den 1990er Jahren prominenten Islamisten wie Al-Kaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf geboten. Die Regierung versucht jedoch seit geraumer Zeit, sich von den Radikalen zu distanzieren, um ihre Verbindungen zum Westen zu verbessern. Präsident Omar Hassan al-Baschir steht jedoch unter Druck durch die Islamisten, die ihm vorwerfen, er habe die religiösen Werte aufgegeben, die er bei seinem islamistischen Staatsstreich 1989 vertreten habe.

- von Khalid Abdelaziz

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