June 1, 2018 / 12:39 PM / 6 months ago

Milliarden-Programm soll Fiat Chrysler unter Strom setzen

FILE PHOTO: Fiat Chrysler Automobiles' (FCA) U.S. headquarters is seen in Auburn Hills, Michigan, U.S., May 25, 2018. REUTERS/Rebecca Cook/File Photo

Balocco/Hamburg (Reuters) - Fiat-Chrysler setzt stärker auf Elektroautos und autonomes Fahren, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verlieren.

Der scheidende Konzernchef Sergio Marchionne präsentierte am Freitag in Balocco bei Turin den Strategieplan für die nächsten Jahre, nach dem die Konzerntöchter massiv in elektrifizierte Fahrzeuge investieren sollen. Insgesamt will der amerikanisch-italienische Konzern bis 2022 neun Milliarden Euro in Neuentwicklungen und den Umbau der Produktion stecken. Die Geländewagenmarke Jeep soll bis dahin zehn Hybrid-Modelle und vier rein batteriebetriebene Wagen auf den Markt bringen. Dabei geht es auch darum, in China stärker Fuß zu fassen, wo alle Hersteller E-Autos anbieten müssen, um staatliche Vorgaben zu erfüllen. Zugleich soll sich Jeep in Europa aus dem durch Manipulationen in Verruf geratenen Dieselantrieb zurückziehen. Die Marke Alfa Romeo soll ihr Modellangebot binnen fünf Jahren komplett auf Hybridfahrzeuge umstellen und Technik für selbstfahrende Autos entwickeln.

Die Tochter Maserati soll Hybridwagen und vollektrische Antriebe anbieten und zudem Motoren von Ferrari beziehen. Damit will Marchionne die Luxus-Sportwagenmarke zu einem Herausforderer sowohl von Tesla als auch von Porsche aufbauen. Der Konzernchef kündigte zudem an, den massentauglichen Fiat 500 in allen Varianten auf batteriebetriebene Antriebe umzustellen. Bisher wird der Kleinwagen lediglich in den USA als Batterieauto angeboten. Damit will Fiat Chrysler bei Elektroautos aufholen, denn andere Autobauer wie Volkswagen, Daimler, BMW und General Motors sind schon enteilt. Zum Vergleich: Volkswagen investiert bis 2022 mehr als 34 Milliarden in E-Fahrzeuge, selbstfahrende Autos und neue Mobilitätsdienste.

PICK-UPS BLEIBEN ERTRAGSBRINGER

Zugleich will Fiat Chryler die Truck-Marke Ram, die für bullige Pick-ups bekannt ist, weltweit ausrollen und deren Marktanteil auf 30 Prozent steigern. In den USA, wo die offenen Spritschlucker besonders angesagt sind, peilt Fiat Chrysler bei Nutzfahrzeugen Rang zwei hinter Ford an.

Die neue Strategie war mit Spannung erwartet worden, weil Konzernchef Sergio Marchionne damit die Weichen für die Zukunft des Unternehmens stellen will und zugleich den Weg für seine eigene Nachfolge ebnet. Es wird erwartet, dass der 65-Jährige im nächsten April abtritt. Um einen Nachfolger ein reines Haus zu übergeben, soll Fiat Chrysler bis Mitte 2018 schuldenfrei sein. Dass dies gelingen dürfte, bekundete Marchionne damit, dass er - wie für diesen Fall angekündigt - eine Krawatte trug. “Wie Sie aus meiner wohl gut gebundenen Krawatte sehen können, werden wir Ende Juni eine Netto-Cash-Position ausweisen”, sagte er bei seinem Auftritt in Balocco. Sonst tritt der eigenwillige Italo-Kanadier gerne im dunklen Pullover auf.

Marchionne rückte vor 14 Jahren an die Spitze von Fiat und rettete die italienische Marke damals vor dem Aus. Fünf Jahre später übernahm er die insolvente US-Marke Chrysler und machte sie später zu einer Ertragsstütze für den Konzern. Dank Chrysler gelang es auch, die schwächelnde Marke Fiat über Wasser zu halten. In den vergangenen Jahren hatte Marchionne mehrfach versucht, den amerikanisch-italienischen Konzern mit einem größeren Konkurrenten zu verbünden. Sein Werben wurde jedoch weder von Volkswagen noch von General Motors, Toyota und Ford erhört.

Deshalb soll Fiat Chrysler nun aus eigener Kraft überleben. Dazu hat der Konzern das Modellangebot umgebaut und verkauft mehr Geländewagen und Pick-Ups, an denen Fiat Chrysler mehr verdient. Solche Wagen sollen auch vermehrt in Europa zu den Händlern rollen. Bei der Rendite liegt Fiat Chrysler in den USA inzwischen in Schlagdistanz zu Marktführer General Motors.

An der Börse konnte Marchionne mit seinem Fünf-Jahresplan nicht punkten. Die Aktie verlor an der Mailänder Börse deutlich an Wert. Analysten zeigten sich skeptisch, ob Fiat Chrysler ob der Konzern die ehrgeizigen Ziele aus eigener Kraft schaffen kann. “Für mich ist FCA ein Übernahmekandidat für die Chinesen”, sagte Frank Schwope von der NordLB.

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