September 20, 2011 / 1:22 PM / 9 years ago

S&P stuft Italien herab - Berlusconi tobt

Rom (Reuters) - Hohe Schulden, wenig Wachstum, fragile Regierung: Wegen dieser Mischung hat die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit Italiens herabgestuft.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi reagierte empört. Er warf der Ratingagentur Realitätsverlust vor und unterstellte ihr politische Motive. Die italienischen Arbeitgeber verlangten von Berlusconi, endlich mutige Reformen anzugehen oder seinen Hut zu nehmen. Auch EU-Kommission und deutsche Spitzenpolitiker forderten, verloren gegangenes Vertrauen durch eisernes Sparen zurückzugewinnen. Die Europäische Zentralbank kaufte italienische Staatsanleihen auf, um einen starken Anstieg der Zinsen zu verhindern.

S&P stufte am Dienstag die Kreditwürdigkeit Italiens überraschend um eine Note auf “A” herunter. Staatsanleihen gelten damit nur noch als “prinzipiell sichere Anlage”. Die mächtigen Ratingagentur droht zudem mit weiteren Herabstufungen, indem sie den Ausblick bei “negativ” beließ. Berlusconi kritisierte das Vorgehen heftig. “Die Einschätzung von Standard & Poor’s scheint mehr von Medienberichten als von der Realität diktiert worden zu sein”, sagte er. “Sie scheint auch von politischen Erwägungen negativ beeinflusst.” Die Regierung habe bereits Maßnahmen zur Haushaltssanierung eingeleitet. Schritte zur Förderung des Wirtschaftswachstums würden bereits vorbereitet.

“WIR WOLLEN KEINE LACHNUMMER MEHR SEIN”

Der Arbeitgeberverband Confindustria verlangte dagegen von der Regierung mehr Engagement. “Wir haben die Nase voll, eine internationale Lachnummer zu sein”, sagte Präsidentin Emma Marcegaglia. “Die Regierung muss entweder rasche, seriöse und auch unpopuläre Reformen durchsetzen oder - ich fürchte mich nicht, das zu sagen - sie muss ihre Koffer packen und zurücktreten.”

Die Ratingagentur wies Berlusconis Angriffe umgehend zurück. “Die Herabstufung spiegelt unsere Einschätzung wider, dass sich Italiens Wachstumsaussichten verschlechtert haben”, sagten deren Experten. Die fragile Koalition und große politische Differenzen im Parlament “werden voraussichtlich auch weiterhin die Möglichkeiten der Regierung einschränken, entschlossen auf das schwierige innere und äußere wirtschaftliche Umfeld zu reagieren”. Daran ändere auch das verabschiedete Reformprogramm der Regierung nichts. Sie hat ein 60 Milliarden Euro großes Sparpaket geschnürt und will 2013 ohne neue Schulden auskommen. Zwei Drittel des Volumens basierten auf Steuererhöhungen, dabei sei Italien schon vorher ein Hochsteuerland gewesen.

“EIN GUTER ANSPORN”

Die EU-Kommission forderte Italien auf, die Sparbeschlüsse voll umzusetzen. Damit könnten die sehr hohen Staatsschulden gedrückt werden, sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn in Brüssel. Deutsche Koalitionspolitiker fordern größere Sparanstrengungen. “Ich denke, dies ist ein guter und notwendiger Ansporn, aus dieser Reaktion der Ratingagentur die Konsequenzen zu ziehen und sich noch mehr anzustrengen”, sagte die CSU-Landesgruppenvorsitzende im Bundestag, Gerda Hasselfeldt.

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ächzt unter einem Schuldenberg von rund 1,9 Billionen Euro. Das entspricht 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung - nur Griechenland ist noch höher verschuldet. In diesem Jahr erwartet die Regierung ein Defizit von 3,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, 2012 soll die Neuverschuldung auf 1,4 Prozent fallen. Erschwert wird die Haushaltssanierung durch die Wirtschaftsflaute. Die EU-Kommission senkte erst vergangene Woche ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr von 1,0 auf 0,7 Prozent. Zum Vergleich: Die gesamte Währungsunion dürfte mit 1,6 Prozent mehr als doppelt so schnell wachsen.

EZB ALS RETTER IN DER NOT

Nach der Herabstufung stiegen die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen im Vergleich zu der als nahezu ausfallsicher geltenden deutschen Bundesanleihe auf mehr als 4,0 Prozentpunkte. Um einen stärkeren Zinsanstieg zu begrenzen, griff die EZB ein. Sie kaufte nach Händlerangaben italienische Papiere mit fünf- bis zehnjähriger Laufzeit. Höhere Zinsen machen es Italien noch schwerer, seine Sparziele zu erreichen.

Die Herabstufung durch S&P kam überraschend. An den Finanzmärkten war damit gerechnet worden, dass zuerst die Ratingagentur Moody’s ihre Note für das Land senken würde. Deren Analysten hatten vergangene Woche mitgeteilt, sie bräuchten für ihre Entscheidung noch einen weiteren Monat Zeit. Der Euro-Kurs fiel zeitweise unter die Marke von 1,36 Dollar, erholt sich dann aber wieder. Auch der deutsche Aktienindex DAX machte anfängliche Verluste wieder wett.

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below