March 16, 2011 / 4:58 PM / 9 years ago

Japan droht Kampf gegen den Super-GAU zu verlieren

Tokio (Reuters) - Japan scheint den Kampf gegen den drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima zu verlieren.

Damage after an earthquake and tsunami at Fukushima Daiichi nuclear plant, 240 km (150 miles) north of Tokyo, is seen in this satellite image taken 9:35 am local time (0035 GMT) on March 16, 2011. REUTERS/DigitalGlobe/Handout

Versuche, die heiß gelaufenen Reaktoren zu kühlen, drohten am Mittwoch zu scheitern. Nur noch wenige Arbeiter waren im Einsatz, Hubschrauber konnten wegen der hohen Radioaktivität kein Kühlwasser abwerfen. Für die EU ist die Lage faktisch außer Kontrolle. Der IAEA zufolge äußerte sich die Regierung in Tokio besorgt. Kaiser Akihito rief seine Landsleute zur Solidarität mit den Überlebenden von Erdbeben und Tsunami auf. Offiziell bestätigt wurde der Tod von 4000 Menschen, 7000 sind verschollen. Ein nächtlicher Kälteeinbruch verschlimmerte die Lage der Hunderttausenden Obdachlosen. Viele litten unter Durchfall und anderen Krankheiten.

Die Internationale Atomenergieagentur IAEA zeigte sich erstmals frustriert über Japan und verlangte detaillierte Informationen. Diese sollten zudem schneller geliefert werden. Experten zufolge haben die Japaner die Katastrophe durch die niedrige Einstufung in der siebenstufigen Störfallskala heruntergespielt. Die französische Atomsicherheit ist den Ansicht, die Ereignisse in Fukushima müsse auf Stufe Sechs statt auf Stufe Vier eingeordnet werden. Für die französische Regierung verliert Japan die Kontrolle über die Reaktoren. Das Land rief seine Bürger deshalb zum Verlassen des Inselreichs auf.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Lage “sehr, sehr ernst”. Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reisewarnung. Es empfiehlt nun allen Deutschen, die Region um Fukushima und den Ballungsraum Tokio/Yokohama vorübergehend zu verlassen. Die Deutschen sollten nach Osaka ausweichen oder über Osaka ins Ausland weiterreisen. Bisher hatte das Auswärtige Amt lediglich dazu geraten zu prüfen, ob ein Aufenthalt in der Gegend weiter erforderlich ist.

Besorgte Worte kamen auch aus Russland. “Unglücklicherweise entwickelt sich die Lage nach den schlimmsten Annahmen”, sagte Sergej Kirijenko, dem die militärischen und zivilen Atomanlagen aus Sowjet-Zeiten unterstehen. Das russische Außenministerium will von Freitag an die Angehörigen von Diplomaten ausfliegen.

Am Katastrophenort räumten Arbeiter im Wettlauf mit der Zeit Schutt beiseite, um der Feuerwehr einen Weg zum Reaktor Vier des 240 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Kraftwerkskomplexes Fukushima zu bahnen. Wie verzweifelt die Lage ist, belegten Planungen der Polizei, Wasserwerfer zur Kühlung einzusetzen. Auch Soldaten sollen helfen. Die Lage in dem in Brand geratenen Meiler sei “nicht so gut”, räumte der Betreiber ein.

Priorität hat nach Angaben des Betreibers Tepco jedoch der Reaktor Drei, dessen Dach durch eine Explosion beschädigt wurde und aus dem zeitweise Dampf entwich. Hubschrauber konnten die Anlage wegen der hohen Strahlung nicht aus der Luft mit Wasser kühlen. Dieser Reaktor verwendet auch das hochgiftige Plutonium als Brennstoff. Das extrem krebserregende Schwermetall hat eine Halbwertzeit von 24.110 Jahren.

Experten zufolge kommen die Bemühungen zur Eindämmung der Katastrophe einem letzten verzweifelten Versuch gleich. “Das ist ein langsam ablaufender Alptraum”, sagte der Physiker und Plutonium-Experte Thomas Neff vom Massachusetts Institute of Technology. “Die scheinen das Handtuch geworfen zu haben”, kommentierte der langgediente Kraftwerks-Ingenieur Arnie Gundersen den Umstand, dass die Zahl der im AKW eingesetzten Arbeiter von 800 auf 50 verringert wurde. So bekomme man die Lage nicht in den Griff.

“WAS ZUM TEUFEL IST DA LOS?”

In den japanischen Medien wird derweil die Informationspolitik von Tepco und von Ministerpräsident Naoto Kan zunehmend kritisch beurteilt. Kan seinerseits soll verärgert auf eine verspätete Unterrichtung durch den Kraftwerksbetreiber reagiert haben. “Was zum Teufel ist da los”, herrschte er nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo Manager von Tepco an. Kan hat die Atom- und Naturkatastrophe als größte Krise in Japan seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.

Kaiser Akihito nahm die Katastrophe zum Anlass für eine seiner seltenen direkten Ansprachen an die Bevölkerung. Die Probleme in den Atomreaktoren seien nicht vorhersehbar gewesen, sagte der 77-Jährige Tenno. Er sei zutiefst besorgt über die Folgen des schweren Erdbebens, das von “noch nie gesehenem Ausmaß” gewesen sei. “Meine Hoffnung ist, dass so viele Menschen wie möglich lebend gerettet werden.” Die Überlebenden forderte er auf, die Hoffnung nicht aufzugeben. Akihito rief die Menschen dazu auf, einander zu helfen. Die Sender unterbrachen wegen der Ansprache ihre Live-Berichte über die Katastrophe.

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