June 12, 2008 / 11:33 AM / 12 years ago

Kanada bittet Ureinwohner in historischem Schritt um Vergebung

Canada's Prime Minister Stephen Harper (L) and other MP's applaud after National Chief of the Assembly of First Nations Phil Fontaine (R) spoke in the House of Commons on Parliament Hill in Ottawa June 11, 2008. Canada, seeking to close one of the darkest chapters in its history, formally apologized on Wednesday for forcing 150,000 aboriginal children into grim residential schools, where many say they were abused. REUTERS/Chris Wattie (CANADA)

Ottawa (Reuters) - Willie Blackwater kann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Als sich Kanadas Ministerpräsident Stephen Harper im Parlament zu seiner historischen Rede erhebt, um sich symbolisch für die Misshandlung von mehr als 150.000 Kindern von Ureinwohnern zu entschuldigen, steigen in ihm die schmerzvollen Erinnerungen wieder empor. Wie der Staat ihn als kleinen Jungen seinen Eltern wegnahm und zur Umerziehung in eine christliche Schule steckte. Wie er dort vernachlässigt, gedemütigt und vom Schulleiter schließlich immer wieder vergewaltigt wurde.

“Die Regierung von Kanada entschuldigt sich aufrichtig und bittet die Ureinwohner um Vergebung dafür, dass dieses Land sie so sehr im Stich gelassen hat. Es tut uns leid”, sagt Harper am Mittwoch in seiner 15-minütigen Rede, in der auch er mit den Tränen ringen muss. Direkt vor ihm sitzen zwölf Überlebende in einem Halbrund aus Stühlen - unter ihnen auch die 104-jährige Marguerite Wabano. “Die Behandlung der Kinder in den Indianer-Internaten ist ein trauriges Kapitel unserer Geschichte.”

Es sind diese schlichten Worte Harpers, die bei den Opfern im Parlament und den vielen anderen betroffenen Ureinwohnern im Land auf Anerkennung stoßen und ihnen ein Gefühl der Genugtuung geben. Die öffentliche Entschuldigung des Regierungschefs habe ihn völlig überwältigt und seine Erwartungen übertroffen, sagt Willie Blackwater. “Es war ein bewegender Moment für mich. Ich habe fast die ganze Rede hindurch weinen müssen.”

Das System der Ureinwohner-Internate existierte in Kanada über 100 Jahre bis in die 1970er Jahre hinein. Es war Teil einer staatlichen Kampagne, die Kinder von Ureinwohnern umzuerziehen und die indianische Kultur auszuradieren - oder “den Indianer im Kind zu töten”, wie es damals offiziell hieß.

“Für die Geisteshaltung, die das System der Indianer-Internate hervorgebracht hat, ist heute kein Platz mehr in Kanada”, sagt Harper. Es dürfe und werde daher nie mehr zu einer solchen systematischen Unterdrückung und Misshandlung von Kindern kommen. Das bisherige Ausbleiben einer Entschuldigung habe zudem eine Versöhnung erschwert, räumte Harper ein.

Nach heutigen Erkenntnissen starben in einigen der Schulen etwa die Hälfte der Kinder an Tuberkulose oder einer anderen Krankheit. Zahlreiche Opfer wie Willie Blackwater wurden zudem geschlagen, schikaniert und sexuell missbraucht. Sie waren der Willkür der christlichen Erzieher schutzlos ausgeliefert. In einer historischen Einigung zahlte Kanada vor zwei Jahren den etwa 90.000 Überlebenden 1,9 Milliarden Dollar Schadenersatz.

Als Wortführer der Ureinwohner bedankte sich Phil Fontaine im Parlament schließlich für die symbolische Geste. “Endlich haben wir gehört, dass Kanada sich entschuldigt”, sagte Fontaine mit brüchiger Stimme. “Es ist möglich, den Alptraum unserer Rasse gemeinsam zu beenden. Die Erinnerungen schneiden manchmal wie kalte Messer in unsere Seelen. Dieser Tag hilft uns, den Schmerz hinter uns zu lassen.”

- Von David Ljunggren -

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