October 22, 2019 / 4:46 AM / in 24 days

Trudeau in Kanada trotz schwerer Verluste wiedergewählt

Justin Trudeau and family put his ballot for today's election in the ballot box in the Papineau area of Montreal, Quebec, Canada, October 21, 2019. REUTERS/Carlo Allegri

Montreal (Reuters) - Kanadas Wähler haben ihrem nach mehreren Skandalen angezählten Premierminister Justin Trudeau einen Denkzettel verpasst.

Der vor vier Jahren noch euphorisch als Hoffnungsträger gefeierte Regierungschef wurde zwar im Amt bestätigt. Seine liberale Partei büßte aber trotz robuster Konjunktur und positiver Arbeitsmarktentwicklung die absolute Mehrheit im Parlament ein. Trudeau führt damit künftig eine Minderheitsregierung, die auf die Unterstützung der linksgerichteten Neuen Demokratischen Partei (NDP) angewiesen ist. Minderheitsregierungen haben in Kanada bislang selten länger als zweieinhalb Jahre gehalten.

“Ihr habt es geschafft, meine Freunde. Gratulation”, sagte Trudeau in der Nacht zum Dienstag vor Anhängern in Montreal nach einem mit harten Bandagen ausgetragenen Wahlkampf, in dem das Image des 47-Jährigen als charismatischer Sonnyboy mehrfach ins Wanken geriet. Der für Toleranz und Offenheit stehende Trudeau musste sich unter anderem Vorwürfen stellen, er habe seinen Einfluss zugunsten des Baukonzerns SNC-Lavalin genutzt, um diesen in einer Korruptionsaffäre zu schützen. Die Ethikkommission des Parlaments rügte ihn dafür. Auch Rassismusvorwürfe wurden laut gegen den Sohn des verstorbenen früheren Premierministers Pierre Trudeau, der Kanada seinerzeit für Einwanderer öffnete: Fotos aus Justin Trudeaus Vergangenheit tauchten auf, die ihn mit dunkel geschminktem Gesicht auf einem Kostümball zeigen.

US-Präsident Donald Trump, der mit Trudeau bei einigen Gelegenheiten überkreuz gelegen hat, gratulierte seinem kanadischen Nachbarn via Twitter zu einem “wundervollen und hart erkämpften Sieg”. Nach Angaben der Wahlkommission können Trudeaus Liberale mit etwa 156 der 338 Parlamentssitze rechnen. 170 Mandate wären nötig gewesen, um erneut mit absoluter Mehrheit regieren zu können. Auf Platz zwei landeten die Konservativen mit Trudeaus Herausforderer Andrew Scheer mit 122 Sitzen. Kräftige Gewinne verzeichnete unter anderem der separatistische Bloc Quebecois. Die Partei, die nur in der französischsprachigen Provinz Quebec antritt, bekam dort drei Mal mehr Stimmen als 2015. Auch die Grünen legten zu. Sie warfen Trudeau vor, zu wenig zur Bekämpfung des Klimawandels zu unternehmen. Zwei Minister aus Trudeaus Kabinett verloren allerdings ihre Sitze in westlichen Bundesstaaten, wo die für die Wirtschaft des Landes wichtige Öl- und Energiebranche über die Umweltpolitik der Regierung klagt.

LINKSRUCK ERWARTET

Enttäuschend verlief die Nacht auch für die NDP, obwohl sie zum Königsmacher avanciert. Sie dürfte auf deutlich weniger Sitze kommen, als Meinungsforscher ihr vorhergesagt hatten. Dennoch könnte sie erheblichen Einfluss auf die künftige Regierung ausüben. Beobachter wie Ex-Finanzminister John Manley rechnen mit einem Linksruck des Landes, das wie Deutschland und die USA zum Club der sieben wichtigsten Industrienationen gehört (G7).

Finanzmarktteilnehmer befürchten, dass Kanada in die politische Instabilität abgleiten könnte. Alles werde davon abhängen, wie stabil das neue Bündnis sein werde, sagte etwa Greg Taylor, Portfolio-Manager bei Purpose Investments in Toronto. Das größere Problem aber sei, dass die kanadische Gesellschaft offenbar noch nie so gespalten gewesen sei. “Die nächste Regierung muss wirklich daran arbeiten, das zu korrigieren.”

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