April 26, 2018 / 8:02 AM / 3 months ago

Koreas Traum von der Einheit - aber bitte nicht jetzt

Seoul (Reuters) - Die Entspannung in den Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea hat auch dem politischen Traum einer Wiedervereinigung der seit den 50er-Jahren gespaltenen Nation neues Leben eingehaucht.

A girl smiles from behind the reflection of a large banner adorning the exterior of City Hall ahead of the upcoming summit between North and South Korea in Seoul, South Korea April 25, 2018. REUTERS/Jorge Silva

Mit dem Begriff verbinden sich die Bilder der eingerissenen Berliner Mauer, von Familien, die sich in den Armen liegen, und einer sich auflösenden Armee. Die beiden koreanischen Staaten haben sich seit jeher die Wiedervereinigung auf die Fahnen geschrieben. Beim innerkoreanischen Gipfel am Freitag steht das Thema allerdings nur unter ferner liefen auf der Agenda. Warum?

Tatsächlich hat sich der Traum von der Wiedervereinigung in den 70 Jahren des innerkoreanischen Konflikts immer mehr von der Realität entfernt. Insbesondere im Süden hat das Ziel weder bei Politikern noch bei den Bürgern Priorität. Zudem haben sich beide Staaten immer weiter auseinanderentwickelt: Südkorea ist eine moderne Wirtschaftsmacht mit einer vernetzten Gesellschaft und einer funktionierenden Demokratie; der Norden hingegen ist bitterarm, isoliert und beherrscht von der Kim-Dynastie mit nur wenig individuellen Freiheiten. Anders als in Deutschland entzweite sich das koreanische Volk außerdem in einen Bruderkrieg, der bis heute ungelöst ist. Es gibt keinen Friedensvertrag und keine offizielle gegenseitige Anerkennung.

SÜDKOREAS PRÄSIDENT VERFOLGT POLITIK DER KLEINEN SCHRITTE

Präsident Moon Jae In hat das große Ziel der Wiedervereinigung daher in den Hintergrund gestellt und setzt bei dem Gipfeltreffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il am Freitag auf die Lösung der dringendsten akuten Probleme. Dies seien die Sicherung des Friedens und die Beseitigung der Atomwaffen, sagte Moons Sicherheitsberater Moon Chung In. Die Wiedervereinigung, bei den Gipfeln von 2000 und 2007 noch auf der Tagesordnung, dürfte diesmal nicht groß diskutiert werden, sagte er. Ohne Frieden keine Wiedervereinigung, lautet sein Credo. Anders als frühere Präsidenten, die mit dem Zusammenbruch Nordkoreas rechneten, setzt Moon auf friedliche Koexistenz, die irgendwann einmal zu einer Einheit führen könnte.

Er trifft damit auch die Stimmung der Bevölkerung, in der der Wunsch nach einer Vereinigung mit den Brüdern und Schwestern im Norden schwindet. Derzeit sind Umfragen zufolge noch 58 Prozent dafür, fast 70 Prozent waren es 2014 und 90 Prozent im Jahr 1969.

Die wirtschaftlichen Kosten - Experten schätzen sie auf bis zu fünf Billionen Dollar - wären viel zu hoch, sagt der 35-jährige Angestellte Park Jung Ho in Seoul. “Ich glaube nicht, dass wir uns vereinigen sollten, nur weil wir aus derselben homogenen Gruppe stammen.” Er wünsche sich ein Zusammenleben ohne Spannungen und Probleme. Die Regierung solle daher Nordkorea als ebensolchen Nachbarn wie China und Japan anerkennen.

Wie die Stimmungslage in der nordkoreanischen Bevölkerung ist, lässt sich kaum feststellen. Wie Südkorea hat der Norden die Wiedervereinigung als Verfassungsziel formuliert. 1993 hatte der damalige Machthaber und Gründungsvater Nordkoreas, Kim Il Sung, ein Zehn-Punkte-Programm zur Wiedervereinigung vorgeschlagen. Dazu gehörte die Idee, die Grenzen zu öffnen, aber zwei Gesellschaftssysteme und zwei Regierungen beizubehalten.

WIEDERVEREINIGUNG BEHINDERT LÖSUNG AKUTER PROBLEME

Viele Experten wie Ben Forney vom Asan-Institut in Seoul gehen aber davon aus, dass das Thema Wiedervereinigung die Lösung akuter und kurzfristiger Aufgaben eher erschwert. Zu diesen zählt er die atomare Abrüstung, die Menschenrechte und auch die Schaffung einer stabilen Kommunikation zwischen beiden Staaten.

Wie kompliziert schon kleinste Schritte sind, zeigte sich in der Vergangenheit mehrfach. So scheiterte das Projekt des gemeinsam betriebenen Industrieparks Kaesong. 2016 wurde er wegen des Streits über die Waffenentwicklung Nordkoreas geschlossen. Kürzlich misslang die Einigung auf ein Programm, das es den seit Kriegsende 1953 getrennten Familien erlauben sollte, wieder in Kontakt zu treten. Zu tief sitzt das Misstrauen. Viele im Süden sind überzeugt, Kim wolle aufrüsten, um die ganze Halbinsel langfristig unter seine Kontrolle zu bringen. Im Norden betrachtet man die US-Soldaten in Südkorea als Invasionstruppe, die das Ziel verfolgt, Kim zu stürzen.

Auf längere Sicht könnte es einer Verbesserung der Beziehungen dienlich sein, wenn die Forderungen nach einer Wiedervereinigung zurückgestellt würden, sagte Michael Breen, Autor mehrerer Bücher über Korea. “Es ist wie ein Widerspruch, dass die Wiedervereinigung einerseits als romantischer, heilsamer, nationalistischer Traum gesehen wird, während sie in Wirklichkeit die Quelle vieler Probleme ist”, sagt er.

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