May 9, 2008 / 8:04 AM / 12 years ago

Hisbollah erobert weite Teile Beiruts

Beirut (Reuters) - In tagelangen Kämpfen hat die vom Iran und Syrien unterstützte Hisbollah-Miliz die Herrschaft über weite Teile der libanesischen Hauptstadt Beirut übernommen.

Hezbollah and Amal group gunmen take position during clashes in the Mazra'a area in Beirut May 9, 2008. Hezbollah gunmen took control of large areas of Beirut on Friday in a third day of fighting between the pro-Iranian group and fighters loyal to the U.S.- backed governing coalition. REUTERS/Fadi Ghalioum (LEBANON)

Wie während der schlimmsten Phasen des vor knapp 20 Jahren beendeten Bürgerkriegs kontrollierten am Freitag Kämpfer mit Sturmgewehren im Anschlag die Straßen der Hauptstadt. Die Europäische Union, Deutschland und Frankreich forderten ein Ende der Gewalt und eine friedliche Lösung des Konflikts. Italien prüfte eine Evakuierung seiner Landsleute. Deutschland forderte Touristen und Geschäftsleute auf, den Zedernstaat zu verlassen.

Bei den Kämpfen wurden Sicherheitskreisen zufolge mindestens elf Menschen getötet und 30 weitere verletzt. Unter den Toten waren eine Frau und ihr 30-jähriger Sohn, die auf der Flucht aus Ras al-Nabae erschossen wurden, einem von Sunniten und Schiiten bewohnten Bezirk, der Schauplatz heftiger Kämpfe war.

Anhänger der mehrheitlich sunnitischen Regierung legten ihre Waffen am Morgen nieder, nachdem die Hisbollah die muslimische Stadthälfte weitgehend erobert hatte. In Tarek al-Dschadidi, einem sunnitischen Viertel, und in einigen Dörfern des östlichen Bekaa-Tals übergaben die Kämpfer des Regierungslagers ihre Posten an die Armee.

“Die Nacht war schrecklich. Wir konnen uns nicht mal im Haus bewegen”, sagte eine Bewohnerin von Ras al-Nabae, die beim ersten Tageslicht mit ihren Kindern geflohen war. “Wir haben die ganze Nacht im Flur verbracht.” Die Straßen waren von Kämpfen gezeichnet: Fahrzeuge wurden zerstört, aus Gebäuden stieg Rauch auf.

Die radikal-muslimische Miliz schaltete Fernseh- und Radiosender ab, die dem Regierungslager unter Führung von Saad al-Hariri nahestehen. Später übergaben sie die Büros an die Armee, die sich in der Krise um Neutralität bemüht. Die Schiiten-Kämpfer kontrollierten zudem weiterhin die Zufahrt zum internationalen Flughafen, der seit Mittwoch lahmgelegt ist. Die nationale Fluggesellschaft Middle East verschob alle Flüge auf Samstag und die Hafenbehörde stellte den Betrieb eines der wichtigsten Umschlagplätze des Landes ein.

Die Gewalt entzündete sich an Vorwürfen der Regierung an die Hisbollah, einen Staat im Staate zu errichten. Das Kabinett von Ministerpräsident Fuad Siniora hatte vor allem das private Funknetz kritisiert, das die Hisbollah seit Jahren betreibt. Die Kämpfe spitzten sich zu, nachdem Hisbollah-Chef Sajjed Hassan Nasrallah am Donnerstag erklärt hatte, die Regierung habe der Opposition den Krieg erklärt.

Der Konflikt schwelt seit drei Jahren, als nach dem tödlichen Anschlag auf Hariris Vater Rafik ein Umschwung im Land einsetzte. Die Libanesen setzten im Frühjahr 2005 in wochenlangen Massendemonstrationen einen Rückzug Syriens durch, das nach dem Bürgerkrieg mit zehntausenden Soldaten die Rolle einer Ordnungsmacht übernommen hatte. Im Streit um die Machtverteilung zwischen dem pro- und dem anti-syrischen Lager blockiert die Hisbollah seit Monaten die Regierung und die Präsidentenwahl, die bereits 16 Mal verschoben werden musste.

Der regierungsnahe Chef der drusischen Minderheit, Walid Dschumblatt, rief die Opposition zum Dialog auf: “Die eine Partei kann die andere nicht vernichten - und das gilt unabhängig von der militärischen Stärke.” Saudi-Arabien und Ägypten forderten ein Dringlichkeitssitzung arabischer Außenminister.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rief die Konfliktparteien auf, ihre bewaffneten Anhänger zurückzuziehen und die Krise im Rahmen der verfassungsmäßigen Institutionen zu lösen. Teil der Verhandlungen müsse eine Einigung auf die Entwaffnung aller Milizen im Libanon sein.

Die Hisbollah ist die einzige Miliz, die nach dem Bürgerkrieg ihre Waffen behalten durfte. Sie kontrolliert weite Teile des Südlibanons und versteht sich als Bollwerk gegen Israel. Seit dem Krieg der Hisbollah mit Israel im Sommer 2006 beteiligt sich auch Deutschland an einem UN-Friedeneinsatz zur Überwachung des Waffenstillstands. Vor der libanesischen Küste patrouillieren rund 450 Marinesoldaten.

- von Tom Perry -

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