February 24, 2011 / 4:45 PM / 8 years ago

Gaddafi schlägt zurück - Aufstand weitet sich aus

Benghasi (Reuters) - Libyens Machthaber Muammar Gaddafi hat am Donnerstag anscheinend versucht, die zunehmende Umklammerung der Aufständischen mit militärischer Gewalt zu durchbrechen.

Protesters chant anti-government slogans as they demonstrate in a square in Benghazi city, Libya, February 23, 2011. REUTERS/Asmaa Waguih

Im Osten des Landes griffen seine Truppen einem Augenzeugen zufolge die Rebellen in der Stadt Misrata an. Dabei seien mehrere Menschen getötet worden, sagte der Zeuge per Telefon der Nachrichtenagentur Reuters. Misrata liegt etwa 200 Kilometer von der Hauptstadt Tripolis entfernt. Die Aufständischen haben große Teile Ost-Libyens unter ihre Kontrolle gebracht, darunter die Hafenstadt Benghasi und die im Osten gelegenen Ölhäfen. Gaddafi machte in einer Fernsehansprache die Extremistenorganisation Al-Kaida und deren Chef Osama bin Laden für die Rebellion verantwortlich.

Inzwischen ist die Rebellion aber auch auf westliche Landesteile übergeschwappt. Die 120 Kilometer westlich von Tripolis gelegene Stadt Suara soll unter der Kontrolle bewaffneter “Volkskomitees” stehen, berichteten ägyptische Arbeiter, die nach Tunesien geflohen sind. Polizei oder Militär seien auf den Straßen Suaras nicht zu sehen gewesen.

Zu heftigen Kämpfen kam es offenbar in der Stadt Sawijah vor den Toren der Hauptstadt Tripolis. Der Fernsehsender Al Dschasira zeigte Bilder einer brennenden Polizeistation, die aus der Stadt stammen sollen. Eine Zeitung meldete, mindestens zehn Menschen seien in Sawijah getötet worden. Ein Augenzeuge, der die Stadt auf der Flucht nach Tunesien durchquert hatte, sprach von chaotischen Zuständen. Er habe Leute mit Gewehren und Schwertern gesehen. Zivilisten aus beiden Lagern - pro und kontra Gaddafi - bekämpften sich. Die Regierung hatte ihre Gegner zur Abgabe aller Waffen aufgefordert. Die Bürger sollen zudem Anführer der Proteste denunzieren. Dafür wurden großzügige Geldprämien in Aussicht gestellt.

GADDAFI: BIN LADEN IST DER WAHRE VERBRECHER

Gaddafis Ansprache wurde telefonisch zum libyschen Fernsehen übertragen und von dort gesendet. Er sagte, Bin Laden sei der “wahre Verbrecher”, der “Feind, der die Leute manipuliert”. Die jungen Demonstranten seien unter Drogen gesetzt worden. “Sie haben nachts Pillen bekommen. Man hat ihnen bewusstseinsverändernde Pillen in ihre Getränke, ihre Milch, ihren Kaffee, ihren Nescafe getan”, sagte Gaddafi. Die Libyer sollten sich nicht von der Al-Kaida beeinflussen lassen und Ruhe bewahren.

Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen in Sawijah sagte Gaddafi, was dort geschehen sei, sei eine Farce. Vernünftige Menschen würden sich daran nicht beteiligen. Der seit mehr als 40 Jahren herrschende Gaddafi erklärte zudem, die Menschen kämpften untereinander und stünden unter Drogen. Zugleich äußerte er sein Beileid für all jene, die in den vergangenen Tagen ums Leben gekommen sind. Er bezeichnete sie als “Kinder Libyens”. Insgesamt sollen bis zu 2000 Menschen bei den Auseinandersetzungen zu Tode gekommen sein.

EU PLANT MILITÄRAKTIONEN ZUR RETTUNG IHRER BÜRGER

Die Europäische Union (EU) begann unterdessen mit der Planung von Militäraktionen, um Ausländer wie auch Libyer aus dem Land in Sicherheit zu bringen. “Wir machen Notfallpläne mit verschiedenen Szenarien, das ist eine Möglichkeit, an der wir arbeiten”, sagte ein EU-Diplomat in Brüssel. Deutschland schickt nach Angaben aus Militärkreisen das große Versorgungsschiff “Berlin” sowie die Fregatten “Brandenburg” und “Rheinland-Pfalz” vor die Küste Libyens. Sie sollen zur Verfügung stehen, um Deutsche aus dem Land in Sicherheit zu bringen. Auch Großbritannien will nach Angaben von Außenminister William Hague notfalls Militärflugzeuge in die libysche Wüste schicken, um Arbeiter von Ölfirmen herauszuholen, die dort in einem Camp festsitzen.

Ein militärisches Eingreifen der Nato, um das gewaltsame Vorgehen der libyschen Regierung gegen die Massenproteste zu stoppen, schloss Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen aus. Die Nato sei weder darum gebeten worden noch gebe es ein Mandat der UN.

Die Lufthansa hat inzwischen alle Flüge in die libysche Hauptstadt Tripolis bis Sonntag gestrichen. Zusammen mit zwei Bundeswehr-Maschinen hat die Lufthansa in den vergangenen Tagen zahlreiche Deutsche aus Libyen herausgeholt. Die Bundesregierung geht davon aus, dass noch rund 160 im Land sind, davon etwa 60 in der Hauptstadt.

INTERNATIONALE GEMEINSCHAFT VERURTEILT GEWALT IN LIBYEN

Die internationale Gemeinschaft verurteilte das gewaltsame Vorgehen der libyschen Führung scharf. Die Europäische Union (EU) beließ es bislang aber bei der Drohung, Sanktionen zu verhängen. US-Präsident Barack Obama hat das Vorgehen der libyschen Sicherheitskräfte als abscheulich bezeichnet. Die USA würden mit ihren internationalen Partnern zusammenarbeiten, damit die Gaddafis Regierung zur Rechenschaft gezogen werde, sagte er am Mittwoch in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu den Ereignissen. Die USA hielten sich alle Optionen in der Libyen-Krise offen.

Die Lage in Libyen ließ den Ölpreis weiter ungebremst ansteigen. Der Trend gefährdet zunehmend die Konjunktur. Sollte sich der wichtigste Rohstoff der Industrieländer weiter verteuern, könnte dies einen “Wendepunkt für die Weltwirtschaft” bedeuten, warnen die Analysten der Deutschen Bank. Jeffrey Currie, Rohstoff-Experte bei Goldman Sachs, hält sogar Rationierungen für möglich. “Der Markt kann eine weitere Störung nicht mehr abfedern.”

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