February 21, 2011 / 2:57 PM / 9 years ago

Aufstand in Libyen greift auf immer mehr Städte über

Tripolis (Reuters) - Der Aufstand der Libyer hat die Hauptstadt Tripolis erreicht - allen Drohungen und Versprechungen von Machthaber Muammar Gaddafi zum Trotz.

Aus dem Haus des Volkes, in dem üblicherweise das Parlament tagt, schlugen Flammen. In den Straßen versammelten sich am Montag erneut Gegner und Anhänger der Regierung. Auch aus Ras Lanuf, wo eine wichtige Ölraffinerie steht, wurden Unruhen gemeldet. In Benghasi im Osten haben die Sicherheitskräfte offenbar die Kontrolle verloren. Gaddafis Sohn Saif al-Islam warnte vor einem Bürgerkrieg und drohte mit einem Kampf bis zum letzten Mann. Zugleich bemühte er sich, die Libyer, die ihre Furcht vor seinem seit 40 Jahren herrschenden Vater immer mehr verlieren, zu beschwichtigen und versprach mehr Freiheiten. Die EU verurteilte die Gewalt der Sicherheitskräfte gegen das Volk, durch die nach Angaben von Human Rights Watch mehr als 230 Menschen starben.

“Ich kann die brennende Halle des Volkes sehen”, berichtete ein Reuters-Reporter aus Tripolis. “Die Feuerwehr ist vor Ort und versucht, das Feuer zu löschen.” In der Nacht seien mehr als 60 Menschen in Tripolis getötet worden, berichtete der Fernsehsender Al-Dschasira und berief sich auf Rettungskräfte. Der Sender meldete zudem, dass Demonstranten mehrere Polizeiwachen gestürmt und demoliert hätten. Sicherheitskräfte zögen plündernd durch Bankfilialen und Verwaltungsgebäude.

In Ras Lanuf gebe es ebenfalls Proteste, meldete die libysche Zeitung “Kurnja”. Sonderkomitees von Bürgern und Mitarbeitern der Ölraffinerie versuchten, den Komplex vor Beschädigungen zu schützen.

BUNDESREGIERUNG: DEUTSCHE SOLLEN LIBYEN VERLASSEN

Die Bundesregierung forderte alle Deutschen auf, Libyen zu verlassen. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes befinden sich derzeit etwa 500 Deutsche in Libyen. Mehrere Konzerne, darunter Siemens und RWE, begannen damit, ihre Mitarbeiter auszufliegen. Die BASF-Tochter Wintershall kündigte an, ihre Ölproduktion herunterzufahren. Zudem brachte ein Streik Berichten zufolge die Ölförderung zum Erliegen. Der Ölpreis stieg auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Auch an den Börsen schlugen sich die Unruhen nieder: Vor allem Aktien von Energiekonzernen gaben nach.

GADDAFIS SOHN: “WIR KÄMPFEN NOTFALLS BIS ZUR LETZTEN FRAU”

“Wir werden weiterkämpfen bis zum letzten Mann, selbst bis zur letzten Frau”, sagte Gaddafis Sohn Saif al-Islam am Sonntagabend in einer Ansprache im Staatsfernsehen. Gaddafi habe die Unterstützung des Militärs: “Die libysche Armee ist nicht die ägyptische oder tunesische Armee.” Er warnte vor einer Teilung des Landes. Libyern, die im Exil leben, drohte er vor laufender Kamera mit dem Finger und warf ihnen vor, den Aufstand anzuheizen.

Zugleich räumte Saif al-Islam Gaddafi Fehler ein. Er kündigte umfassende Gesetzesänderungen an, die “Freiheiten ausweiten, viele der bestehenden Hindernisse und bestehende, alberne Bestrafungen abschaffen und einen nationalen Dialog über die libysche Verfassung einleiten” würden. Außerdem solle es Lohnerhöhungen geben.

ANWOHNER: “JUGENDLICHE ÜBERNEHMEN KONTROLLE IN BENGHASI”

Professor Hanaa Elgallal von der Universität Benghasi sagte Al-Dschasira, in der zweitgrößten Stadt des Landes seien die Sicherheitskräfte nicht mehr zu sehen. “Bewaffnete Jugendliche haben die Kontrolle über die Stadt übernommen”, sagte er. Salahuddin Abdullah, der sich selbst als Protest-Organisator bezeichnete, sagte dem Sender, die Lage in Benghasi sei ruhig. “Die Demonstranten haben die Macht ganz übernommen.” Es werde versucht, selbstverwaltete Komitees zu gründen, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Zivilbevölkerung müsse sofort beendet werden, erklärte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton am späten Sonntagabend. Auch Kanzlerin Merkel verurteilte die Gewalt. “Die Bundeskanzlerin persönlich ist über diese Entwicklung bestürzt”, sagte ihr Sprecher. Der britische Premierminister David Cameron sprach von “bösartigen Methoden” der Führung in Tripolis. Frankreich forderte seine Bürger zum Verlassen des Landes auf. Ein Sprecher der Regierung in Washington sagte, die USA prüften “alle angemessenen Maßnahmen”. Einzelheiten nannte er nicht.

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