March 20, 2011 / 1:04 PM / in 8 years

West-Allianz beschießt Libyen - Arabische Liga empört

Tripolis (Reuters) - Mit massiven Luftangriffen auf Libyen unterstützen westliche Verbündete erstmals seit Beginn der Freiheitsbewegungen einen Aufstand in der arabischen Welt.

A rebel fighter looks at vehicles belonging to forces loyal to Libyan leader Muammar Gaddafi burn after an air strike by coalition forces, along a road between Benghazi and Ajdabiyah March 20, 2011. REUTERS/Goran Tomasevic (LIBYA - Tags: POLITICS CIVIL UNREST CONFLICT)

48 Stunden nach dem Beschluss des UN-Sicherheitsrats setzten Frankreich, die USA und Großbritannien am Wochenende die Flugverbotszone durch, die libysche Zivilisten vor Machthaber Muammar Gaddafi schützen soll. Es ist der größte Angriff westlicher Streitkräfte auf ein arabisches Land seit der Irak-Invasion der USA und Großbritanniens vor acht Jahren.

“Die Flugverbotszone ist errichtet”, erklärte US-Generalstabschef Mike Mullen am Sonntag. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass die libysche Luftwaffe aktiv sei oder Gaddafi einen Einsatz chemischer Waffen vorbereite. Die libysche Luftabwehr sei ausgeschaltet. Mullen betonte, der Einsatz habe ein klares und begrenztes Ziel. Es sei dennoch nicht zu sagen, wie lange die Angriffe noch dauern würden. Die Nato will in der kommenden Woche über ihre Beteiligung entscheiden.

Dem libyschen Staatsfernsehen zufolge wurden bei den Angriffen 64 Menschen getötet und rund 150 verletzt, darunter viele Zivilisten. Es gab keine Möglichkeit, die Angaben unabhängig zu bestätigen.

Die Arabische Liga kritisierte die Opfer unter den Zivilisten scharf. Dies sei nicht die Art von Flugverbotszone, die das Staatenbündnis unterstützt habe, erklärte Generalsekretär Amr Mussa. Er kündigte eine Dringlichkeitssitzung der Gemeinschaft an, die den westlichen Bemühungen um ein Eingreifen vor einer Woche noch einen entscheidenden Schub verliehen hatte. “Wir wollen einen Schutz der Zivilbevölkerung, nicht ihren Beschuss”, betonte Mussa. Russland rief die Allianz zu einem Ende ihrer Luftangriffe auf, die nicht-militärischen Zielen gälten. Unter anderem seien eine medizinische Einrichtung, Straßen und Brücken bombardiert worden.

Französischen Angaben zufolge setzte die Allianz ihre Angriffe auch am Sonntag fort. Zudem machte sich der Flugzeugträger “Charles de Gaulle” mit weiteren 20 Kampfflugzeugen auf den Weg ins südliche Mittelmeer. Französische Flieger griffen als erste Panzerverbände der Gaddafi-Truppen in der Nähe der Rebellenhochburg Bengasi an. Amerikanische und britische Kampfschiffe sowie U-Boote feuerten zudem mehr als hundert Marschflugzeuge auf Luftabwehrstellungen der Streitkräfte in der Nähe von Tripolis und Misrata ab.

Auch das arabische Emirat Katar kündigte seine Beteiligung an dem Militäreinsatz ein. “Wir werden das tun, denn es müssen auch arabische Staaten etwas unternehmen. Die Lage ist unerträglich”, sagte Ministerpräsident Scheich Hamad bin Dschassim al-Thani dem Fernsehsender Al-Dschasira.

GADDAFI: WERDEN UNSER LAND BEFREIEN

Der seit 41 Jahren herrschende Gaddafi verurteilte den internationalen Militäreinsatz als terroristisch und sprach von einem “kolonialen Feind”. “Wir werden unser Land nicht verlassen und wir werden es befreien”, erklärte er in einer im staatlichen Fernsehen übertragenen Rede. Der Sender spielte nur seine Stimme ein, ohne Bilder von ihm zu zeigen. Tausende Zivilisten folgten seinem Aufruf und bildeten um sein Hauptquartier sowie wichtige Einrichtungen wie den Flughafen menschliche Schutzschilde. Alle Libyer stünden nun unter Waffen und verteidigten ihr Land, verkündete Gaddafi.

Truppen des Machthabers drangen nach Augenzeugenberichten am Sonntag in das Zentrum der von Rebellen gehaltenen Stadt Misrata eingedrungen, die etwa 200 Kilometer östlich von Tripolis liegt. Mehrere Menschen seien bei den Gefechten getötet worden, sagte ein Anwohner der Nachrichtenagentur Reuters per Telefon. “Es gibt so viele Opfer, dass wir sie nicht zählen können”, sagte ein Sprecher der Rebellen. Experten hatten davor gewarnt, dass sich Gaddafi unter einem Flugverbot vor allem auf Bodentruppen stützen werde, um seine Offensive voranzutreiben.

Dagegen triumphierten die Rebellen in der östlichen Großstadt Bengasi, von der Gaddafi nach den Luftangriffen zunächst abließ. Auf einer der Zubringerstraßen wurden 16 Leichen in nächster Nähe zu ausgebrannten Fahrzeugen der libyschen Streitkräfte gefunden. “Die Allianz rupft Gaddafis Federn, so dass er nicht mehr fliegen kann”, sagte ein 52-jähriger Rebell, der mit Granatwerfer bewaffnet neben den Wracks stand. “Die Revolutionäre werden ihm den Hals durchschneiden.”

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte am Samstag noch während eines internationalen Spitzentreffens zu Libyen das Signal zum Angriff gegeben. Neben Kanada unterstützt auch Italien den Einsatz, Dänemark stellte vier Kampfflugzeuge bereit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte bei dem Treffen in Paris, dass sich Deutschland nicht beteiligen werde. Sie versuchte aber den Eindruck zu entkräften, die Bundesregierung habe sich durch ihre Enthaltung im UN-Sicherheitsrat international isoliert. “Es wird niemandem gelingen, die internationale Staatengemeinschaft in ihrer Entschlossenheit zu spalten”, betonte sie. “Wir stehen geeint an der Seite des libyschen Volkes. Und wir stehen geeint darin, dass der Krieg gegen das eigene Volk durch Gaddafi umgehend beendet werden muss.”

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