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HINTERGRUND-Börsianer erwarten keinen deutschen Wahlkrimi
14. September 2017 / 16:18 / in 2 Monaten

HINTERGRUND-Börsianer erwarten keinen deutschen Wahlkrimi

Frankfurt (Reuters) - Im europäischen Superwahljahr 2017 dürfte Deutschland für Investoren ein Hort der politischen Stabilität bleiben.

Traders work in front of the German share price index, DAX board, at the stock exchange in Frankfurt, Germany, September 4, 2017. REUTERS/Staff/Remote

Denn anders als bei den Abstimmungen in den Niederlanden und Frankreich droht hierzulande kein politischer Rechtsruck, der Europa ins Chaos stürzen könnte. Weniger als zwei Wochen vor dem Urnengang in Deutschland bleiben die Finanzprofis deshalb auch gelassen. “Die letzte große Wahl in diesem Jahr dürfte ohne Drama oder Turbulenzen an den Börsen vorübergehen”, meint Marktstratege Sven Balzer von der Royal Bank of Scotland (RBS).

In den Erhebungen führen CDU und CSU unter Leitung von Kanzlerin Angela Merkel mit über zehn Prozentpunkten vor den Sozialdemokraten und Martin Schulz - ein schier uneinholbarer Vorsprung. Anlegern dürfte das gut gefallen, denn eine Wiederwahl Merkels würde Kontinuität für Deutschland und die Euro-Zone bedeuten und somit für steigende Aktienkurse sorgen. “In Deutschland wäre ein fundamentaler Kurswechsel oder ein außergewöhnliches Ereignis vonnöten, um das legislative Risiko zu erhöhen und vom europafreundlichen Kurs abzuweichen”, sagen die Anlageexperten vom Vermögensverwalter Grüner Fisher. Das sei unwahrscheinlich. Starke populistische Kräfte, wie etwa in Frankreich mit der rechtsextremen Front National unter Marine Le Pen, gibt es nicht. Gegen ein Vordringen der rechtsgerichteten Alternative für Deutschland (AfD) rücken die etablierten Parteien demonstrativ zusammen. Deshalb droht aus Sicht von Investoren kein Schreckensszenario wie in anderen Ländern. Für unliebsame Überraschungen könnten im Fall eines SPD-Sieges höchstens Koalitionsbildungen mit linken Parteien sorgen.

MERKEL KÖNNTE MIT “MEHR EUROPA”-POLITIK PUNKTEN

Bei einem Wahlsieg der CDU sei, wie schon bei den Merkel-Triumphen in den Jahren 2005, 2009 und 2013, mit steigenden Aktienkursen zu rechnen, meint Stratege Carsten Klude vom Bankhaus M.M. Warburg. Damals sei der Dax in den folgenden zehn Wochen jeweils im Schnitt um gut sechs Prozent vorangekommen. Sollte es so kommen, würde das den derzeit bei rund 12.500 Punkten stehenden Leitindex auf frische Jahreshochs treiben. Seinem RBS-Kollegen Balzer zufolge ist ein Merkel-Sieg aber schon in den Kursen enthalten ist und wird nur begrenzten Einfluss haben.

Den Börsen könnte gefallen, wenn die Kanzlerin ihre Politik hin zu “mehr Europa” ändert. “Die deutsch-französische Achse könnte neuen Auftrieb bekommen - und zwar unabhängig davon, wer Koalitionspartner in Berlin wird”, sagt Volkswirt Martin Moryson vom Bankhaus Sal. Oppenheim. “Gelingt es Deutschland und Frankreich, die Vertiefung der Europäischen Währungsunion voranzutreiben, wäre das ein Schritt hin zu einem deutlich krisenfesteren gemeinsamen Europa.” Konjunkturell laufe es ohnehin seit einiger Zeit gut für den Kontinent. “Kommt dann noch eine politische Stimmungsaufhellung dazu, dürfte Europa die Krise endgültig hinter sich gelassen haben.” Das dürfte Experten zufolge auch dem Euro weiter nach oben helfen.

MACHTWECHSEL VON SCHWARZ ZU ROT WÜRDE PULS ERHÖHEN

Sollte Schulz Merkel entgegen aller Erwartungen schlagen, würde das zu Kursschwankungen führen. “Merkel regiert seit einer gefühlten Ewigkeit, und ein Machtwechsel wäre fast zwangsläufig mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, so dass ein Anstieg der Volatilität zu erwarten wäre”, resümieren die Experten von Blackrock.

Eine große Koalition unter Schulz wäre nach einem ersten Schreck aber kein großer Aufreger aus Sicht der Kapitalmärkte, meint der UBS-Chefanlagestratege für Deutschland, Maximilian Kunkel. Bereits im Wahlkampf sei ersichtlich gewesen, wie eng beieinander die Positionen der beiden großen Parteien seien. Anders sehe es aus, wenn Schulz sich bei der Regierungsbildung im linken Lager umsehen würde. “Das wäre ein Schock, weil es größere Unsicherheit bringen würde.” Eine linke Wirtschaftspolitik gelte generell als nicht börsenfreundlich.

SCHWARZ-GELB BRINGT RISIKEN MIT SICH

Eine Regierungsbeteiligung der FDP könnte vor allem in den stark verschuldeten Staaten im Süden Europas für Unruhe an den Anleihemärkten sorgen. In jeder Koalition mit den Liberalen dürfte es Streit über die Rettungspolitik für angeschlagene Euro-Staaten geben, prognostiziert die Ratingagentur Scope. Allein die Diskussionen über die Verweigerung von Hilfen für Euro-Länder könnte die Aufnahme von Schulden für die betroffenen Staaten verteuern.

Laut Wahlprogramm fordern die Liberalen unter anderem, eine Insolvenzordnung für Staaten der Euro-Zone und automatische Sanktionen zur Einhaltung der Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU. Ob die FDP aber überhaupt in Koalitionsgespräche eintritt, ist unklar. In aktuellen Umfragen kämpft sie gegen Grüne, Linke und AfD um den Platz als drittstärkste Kraft im neuen Bundestag hinter Union und SPD.

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