September 7, 2018 / 6:26 AM / 2 months ago

Medizintechnikfirmen setzen auf digitale Zwillinge

Mincheng Ni, who lost both his hands in an accident, demonstrates a Brain Robotics artificial intelligence powered prosthetic hand at CES in Las Vegas, Nevada, U.S. January 7, 2018. REUTERS/Rick Wilking

Heidelberg (Reuters) - Computermaus statt Skalpell: Künstliche Intelligenz hält auch in der boomenden Gesundheitsbranche Einzug.

Präzisere Diagnosen, personalisierte Behandlungen und die Vermeidung von unnötigen Operationen - das alles versprechen sich Experten etwa vom “digitalen Zwilling”, einem im Computer kreierten, mit Tausenden persönlichen Daten gespeisten Abbild eines Patienten. Noch bevor eine kostspielige Operation tatsächlich angesetzt wird, könnten damit schon Aussagen über die Folgen für den Patienten gemacht werden. “Wir wären in der Lage, schon Wochen oder Monate im voraus zu sagen, welche Patienten krank werden, wie ein spezieller Patient auf eine bestimmte Therapie reagieren wird und welche Patienten am meisten profitieren werden”, schwärmt etwa der Kardiologe Benjamin Meder von der Uniklinik Heidelberg. Die Medizintechnikfirmen, die solche Anwendungen entwickeln, erhoffen sich noch etwas anderes: Gute Geschäfte, und einen Vorsprung vor Tech-Riesen wie Google, die auf den Markt drängen.

Kardiologe Meder testet gerade ein von Siemens Healthineers entwickeltes digitales Herz. Statt mit einem Skalpell ist er mit einer Maus und einem Computerbildschirm ausgerüstet, wenn er vorsichtig die Elektroden eines Schrittmachers in einem schlagenden digitalen Herz platziert. Dieses hat die gleichen physikalischen Eigenschaften wie das Herz von Patient 7497. Der Probe-Durchlauf am digitalen Zwilling soll - bevor tatsächlich ein Messer angesetzt wird - klären, ob der Schrittmacher den an einer Herzinsuffizienz Leidenden am Leben erhalten kann.

Das digitale Zwillingsherz ist nur ein Beispiel, wie Medizintechnikfirmen Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, damit Ärzte präzisere Voraussagen machen können. Die neue personalisierte Technik könnte künftig zu deutlichen Einsparungen führen, weil sich damit Ergebnisse im Vorfeld besser abschätzen lassen und so manch unnötiger Eingriff gar nicht erst vorgenommen wird. Knappe Gesundheitsbudgets und fehlende Ärzte in Ländern wie etwa China treiben ebenfalls den Bedarf nach neuen Analyse-Instrumenten an.

DATENZUGANG ENTSCHEIDEND

Auch wenn Künstliche Intelligenz in der Medizin schon lange eine Rolle spielt - erst die Verfügbarkeit von riesigen Datenmengen, niedrigere EDV-Kosten und hochentwickelte Algorithmen ermöglichen einen breiteren Einsatz. Einer Studie der Analysefirma Frost&Sullivan zufolge könnten sich auf dieser Grundlage die Einnahmen von KI-basierten Geräten bis 2021 auf 6,7 Milliarden Dollar vervielfachen. 2015 lag der Umsatz noch bei rund 800 Millionen Dollar. Auch der weltweite Markt für Analyse-Software für medizinische Bildgebung könnte sich dem Datenportal Statista bis 2025 auf 4,3 Milliarden Dollar annähernd verdoppeln.

“Was als Evolution angetreten ist, beschleunigt sich mehr in Richtung einer Revolution”, sagt Thomas Rudolph, der bei McKinsey in Deutschland für Medizintechnik zuständig ist. Die Wachstumsraten in der Branche rufen zusätzlich neue Anbieter auf den Plan. Damit müssen die traditionellen Konkurrenten wie Siemens Healthineers, Philips und GE Healthcare nicht nur den Wandel von vor allem auf Hardware ausgerichteten Unternehmen hin zu Software-Pionieren stemmen, sondern sich auch gegen neue Mitspieler wie Google oder den chinesischen Amazon-Rivalen Alibaba behaupten.

Google hat im Bereich der KI-basierten Medizintechnik eine Reihe von Instrumenten entwickelt, darunter Algorithmen, die Bildgebungsverfahren bei Augenleiden analysieren können oder digitale Datensätze durchforsten, um das Sterberisiko vorherzusagen. Auch Alibaba arbeitet an KI-Diagnosegeräten, um etwa CT- oder MRT-Bilder auszuwerten. Chinas größter Online-Händler setzt angesichts der knappen Medizinspezialisten in der Volksrepublik auf den Einsatz seiner Cloud- und Daten-Systeme.

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