June 30, 2018 / 8:01 AM / 5 months ago

WDHLG-HINTERGRUND-Die Deutschen und ihr Sparbuch - Von Aktienkultur keine Spur

(Wiederholung vom Montag)

* Experten - Aktienkultur in Deutschland stark unterentwickelt

* Deutsche legen Geld lieber in festverzinsliche Papiere an

* Zahl der Aktionäre steigt nur moderat

- von Patricia Uhlig

Frankfurt, 30. Jun (Reuters) - Seit 30 Jahren gibt es den Dax und mindestens genauso lange beschweren sich Banken, Fondsanbieter und Lobbyverbände über die aktienmüden Privatanleger. Aktien stehen bei den Deutschen auf der Beliebtheitsskala noch immer ziemlich weit unten - trotz ultraniedriger Zinsen und einer wieder anziehenden Inflation, die das angesparte Kapital über die Jahre auffrisst. “Die Deutschen mögen feste Zinsen und sind dafür bereit, auf eine höhere Rendite zu verzichten”, sagt Kay Bommer, Geschäftsführer beim Deutschen Investor Relations Verband.

Die Aktien-Befürworter verweisen gerne auf Statistiken, die zeigen, dass es an den Börsen langfristig gesehen nur nach oben geht. So gewann der deutsche Aktienindex in den vergangenen zehn Jahren - trotz zeitweiser starker Kursschwankungen - rund 50 Prozent. Mit den Leitzinsen in der Euro-Zone ging es dagegen seit 2008 nur bergab, von über vier Prozent auf derzeit null Prozent. Daran ändern dürfte sich in absehbarer Zeit nichts. Frühestens im Herbst 2019 will die Europäische Zentralbank (EZB) wieder an der Zinsschraube drehen. Langfristig gesehen lohnten sich Investition in Aktien, betont auch Ulrich Stephan, Leiter der Anlageberatung für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. “Wenn man annimmt, dass der Dax in den nächsten 30 Jahren so stark zulegt wie in den vergangenen 30 Jahren, also so acht bis neun Prozent pro Jahr, dann würde er auf 170.000 Punkte steigen.”

Trotzdem stecken laut Daten der Bundesbank derzeit nur knapp neun Prozent des Geldvermögens der Deutschen in Aktien und Aktienfonds. In Ländern wie den USA und Großbritannien sei die Quote deutlich höher, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Christine Bortenlänger. “Im Vergleich zu anderen Industrienationen ist die Aktienkultur hierzulande stark unterentwickelt.” Die Zahl der Aktionäre und der Besitzer von Aktienfonds in Deutschland war jahrelang sogar rückläufig. 2017 stieg sie laut DAI zwar wieder auf 10,1 Millionen und erreichte fast den Stand von vor der Finanzkrise. Doch 2001 gab es noch drei Millionen mehr Menschen, die ihr Geld in Aktien anlegten.

NACH DER GIER KAM DIE PANIK

Einer der Gründe für die schwach ausgeprägte Aktienkultur in der Bundesrepublik ist nach Ansicht der Experten der Crash des Neuen Marktes um die Jahrtausendwende, bei dem sich viele Profi- und Kleinanleger die Finger verbrannt hatten. “Damals herrschte ein Hype und eine Gier und als die Börsen jäh abgestürzt sind, war die Panik groß”, resümiert Bommer. Aktionäre rannten in Scharen davon: Von März 2000 bis März 2003 verlor der Dax rund 6000 Punkte. Es dauerte bis Mitte 2007 bis er seinen Rekord aus dem Jahr 2000 wieder einstellte.

Die Verunsicherung von damals hält bis heute an - Sicherheit bei der Geldanlage steht bei den Deutschen an oberster Stelle. Laut einer Studie der “Aktion pro Aktie” von den Direktbanken ING-Diba, Comdirect und Consorsbank wollen 84 Prozent der Befragten derzeit wissen, welchen Betrag sie beim Auflösen ihrer Geldanlage zur Verfügung hätten. Bei Aktien ist das oft nur schwer zu realisieren, weil sie schwanken können.

Doch mit Kapitalanlagen auf dem guten alten Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto verlieren Investoren bares Geld, wie die Comdirect vorrechnet. So habe jeder Bundesbürger seit 2010 knapp 1000 Euro eingebüßt, weil die Sparzinsen niedriger sind als die Inflationsrate. Dieses Verhalten sei paradox, sagt Comdirect-Chef Arno Walter. “Wenn ein mit Wasser gefülltes Fass ein Leck hat, würde man versuchen, das Loch zu stopfen aber deutsche Sparer verhalten sich anders: Sie schütten immer mehr Wasser in das Fass in der Hoffnung, so den Pegel halten zu können.”

Redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1236 oder 030-2888 5168

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