August 24, 2018 / 9:35 AM / a month ago

VORSCHAU-Wirecard macht Commerzbank den Platz im Dax streitig

* Börsenwert von Wirecard doppelt so hoch wie von Commerzbank

* Commerzbank seit Dax-Gründung 1988 im Leitindex

* Wirecard bislang im Technologieindex gelistet

* Deutsche Bank fliegt voraussichtlich aus EuroStoxx50

* Änderungen im Dax werden am 5. September verkündet

- von Patricia Uhlig und Andreas Framke und Hakan Ersen

Frankfurt, 24. Aug (Reuters) - Der Schritt steht sinnbildlich für den Niedergang der deutschen Traditionsbanken: Bei der im September anstehenden Neuordnung im deutschen Leitindex Dax muss die 1870 gegründete Commerzbank aller Voraussicht nach ihren Platz für den gerade einmal 19 Jahre alten Online-Zahlungsabwickler Wirecard räumen. “Die neue Welt löst die alte ab”, sagt Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. So komme neues Leben in den 30 Jahre alten Leitindex, bei dessen Gründung die Commerzbank dabei war. Unabhängig davon fällt die Deutsche Bank wohl aus dem EuroStoxx50 heraus, der Top-Liga in der Euro-Zone.

Wirecard ist inzwischen mit knapp 23 Milliarden Euro an der Börse gut doppelt so viel wert wie die Commerzbank, die von allen Dax-Mitgliedern die geringste Marktkapitalisierung aufweist und unter anderem deshalb abstiegsgefährdet ist. Auch die Deutsche Bank wurde von Wirecard überholt: Deutschlands größtes Geldhaus kommt aktuell gerade einmal auf einen Börsenwert von 20 Milliarden Euro. Der Aktienkurs ist seit 2008 um 90 Prozent eingebrochen, während die Titel von Wirecard um mehr als das 30-Fache gestiegen sind.

Der bisher im Technologieindex TecDax notierte Finanzdienstleister aus Aschheim bei München profitiert davon, dass immer mehr Menschen online einkaufen oder an der Supermarkt-Kasse mit ihrem Smartphone bezahlen. Das Geschäft brummt - zwei Mal hob der Zahlungsabwickler in diesem Jahr schon seine Prognosen an. Der Commerzbank werfen Experten dagegen vor, sie habe den Digitalisierungs-Trend verschlafen. In ihrem Kerngeschäft mit Firmenkunden erwartet sie für 2018 sinkende Erträge.

Indexanalystin Silke Schlünsen von der Bank Oddo Seydler sieht die Wahrscheinlichkeit, dass die Commerzbank in den Nebenwerteindex MDax absteigen muss und von Wirecard ersetzt wird, bei 95 Prozent. Auch LBBW-Experte Uwe Streich rechnet damit. Sollten die Index-Ranglisten per Monatsende auf dem aktuellen Stand bleiben, würden die Änderungen am 5. September besiegelt und zum 24. September wirksam.

HEKTISCHE TAGE IN DEN HANDELSSÄLEN

Im Dax wären dann aus der Finanzbranche die Deutsche Bank als klassisches Geldhaus, die Allianz als Versicherungskonzern, die Deutsche Börse als Börsen-Betreiber, die Münchener Rück als Rückversicherer und Wirecard als Zahlungsdienstleister dabei. “Der Vielfalt der deutschen Finanzindustrie wäre damit besser Rechnung getragen als bisher”, sagt Fondsmanager Serkan Batir vom weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock. Ein Rauswurf aus den Börsenindizes wäre vor allem ein Imageschaden für die Institute, erläutert er. “Aus Unternehmenssicht ist ein Abstieg aus dem Dax oder dem EuroStoxx50 kritisch, weil sich die Sichtbarkeit an den internationalen Finanzmärkten verringert.”

Generell sollten sich Anleger am Tag der Indexumstellung auf stärkere Kursschwankungen bei den betroffenen Titeln einstellen, betont Batir. Denn binnen weniger Stunden müssen Fondsanbieter wie BlackRock Millionen von Aktien verkaufen und kaufen. Verlässt zum Beispiel die Deutsche Bank den EuroStoxx50, wäre BlackRock gezwungen 12,5 Millionen Aktien aus seinen EuroStoxx50-ETFs in kürzester Zeit auf den Markt zu werfen. Beim Abstieg der Commerzbank aus dem Dax wären es 7,3 Millionen Papiere aus dem Dax-ETF, zugleich muss die BlackRock-Mannschaft zahlreiche Wirecard-Papiere über die Börse ankaufen. Das schafft selbst ein Dickschiff wie BlackRock nicht ganz alleine, sondern bedient sich der Hilfe einer Auswahl von Hunderten Brokern und Investmentbanken weltweit.

Den Platz im EuroStoxx50 müssen wohl auch der deutsche Energieversorger E.ON und der Zementhersteller Saint Gobain aus Frankreich räumen. Chancen für einen Aufstieg in die europäische Königsklasse haben nach Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg etwa die italienische HVB-Mutter UniCredit und der französische Luxuskonzern Kering. Der Indexanbieter Stoxx wird seine Entscheidung voraussichtlich am 3. September mitteilen.

redigiert von Georg Merziger Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1236 oder 030-2888 5168

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