August 10, 2018 / 7:28 AM / 3 months ago

SPOTANALYSE-Analysten zum Währungsverfall in der Türkei

Frankfurt, 10. Aug (Reuters) - Der dramatische Ausverkauf der türkischen Lira nährt bei Börsianern die Furcht vor Zahlungsausfällen bei Banken. Einem Bericht der “Financial Times” zufolge schauen sich die EZB-Bankenaufseher deswegen bereits die Verbindungen europäischer Geldhäuser zu dem Land an. Die Lira taumelt seit Tagen von einem Tief zum nächsten, auch der Euro und die Aktienkurse europäischer Banken gerieten am Freitag stark unter Druck.

Nachfolgend die Einschätzungen von Börsianern:

LUTZ KARPOWITZ, ANALYST COMMERZBANK:

“Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel: Je später er nachgibt, desto größer der Schaden, denn ohne Politikwechsel dürfte die Lage weiter eskalieren. Dann wären auch Kapitalverkehrskontrollen wahrscheinlich. Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte weitere massive Lira-Schwäche einplanen.”

MICHAEL HEWSON, MARKTANALYST BEI CMC MARKETS:

“Seit geraumer Zeit haben Investoren die sich entwickelnde Währungskrise in der Türkei als lokales Problem eingestuft, aber das beschleunigte Tempo des Absturzes nährt die Sorgen um das Türkei-Engagement europäischer Banken. Die Aussicht auf ein neues Wirtschaftsmodell, das vorgestellt werden soll, lindert diese nicht, vor dem Hintergrund eines Präsidenten, der göttlichen Beistand erfleht und seine Leute gegen den Rest der Welt stellt.”

CARSTEN HESSE, ÖKONOM BERENBERG BANK:

“Die Türkei steckt in großen Schwierigkeiten. Nach einem kreditgetriebenen Boom weisen der Anstieg der Inflation und der dramatische Währungsverfall in 2018 darauf hin, dass das Land nun Gefahr läuft, auf eine Pleite zuzusteuern. Neben den auf der Hand liegenden Risiken für die Türkei selbst, wirft das die Frage auf, wie stark die Eurozone davon beeinträchtigt würde. Unserer Meinung nach wäre der Einfluss auf das BIP der Eurozone gering. Selbst wenn die Exporte in die Türkei um 20 Prozent einbrechen würden, würde das nur 0,1 Prozentpunkt des Wachstums in der Eurozone wegnehmen.”

MANUEL ANDERSCH, DEVISENSTRATEGE BAYERNLB:

“Die Lira scheint nun im freien Fall zu sein. Sofern sich die türkische Zentralbank jetzt nicht von den politischen Fesseln Erdogans löst und den Leitzins drastisch anhebt, ist eine Zahlungsbilanzkrise unausweichlich.”

CLEMENS BUNDSCHUH, ANALYST LBBW:

“Türkische Lira im Abwärtsstrudel. Kein Vertrauen. Und das ist aktuell das Hauptproblem der Türkei. Die Investoren verkaufen im großen Stil türkische Aktien und Anleihen und sorgen damit für immer mehr Abwertungsdruck. Anfangs waren noch mangelnde Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Zentralbank im Kampf gegen die horrende Inflation das Hauptproblem. Mittlerweile spielen die Märkte durchaus einen Default der Türkei durch.”

THOMAS GITZEL, ÖKONOM BEI VP BANK:

“Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden. Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt sind, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen.” (Zusammengestellt vom Marktteam in Frankfurt, redigiert von Patricia Uhlig Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 069-7565 1236 oder 030-2888 5168)

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