for-phone-onlyfor-tablet-portrait-upfor-tablet-landscape-upfor-desktop-upfor-wide-desktop-up
Marktbericht Deutschland

HINTERGRUND-Warum die US-Börse trotz Wirtschaftskrise auf Rekordkurs ist

New York/Frankfurt, 19. Aug (Reuters) - Hat sich die Wall Street völlig von der Realität abgekoppelt? Die US-Wirtschaft ist so stark eingebrochen wie selten zuvor, ein weiteres Konjunkturpaket steckt im US-Kongress fest - und an der New Yorker Börse springt der Index S&P 500 auf ein Rekordhoch. Auch wenn es so aussehen mag, dass die Anleger die schlechten Nachrichten, die den meisten US-Verbrauchern zu schaffen machen, ausgeblendet haben, sehen Experten gute Gründe dafür, dass sich der Aktienmarkt so schnell wieder erholt hat. “Die Einkaufsstraße lebt vom Jetzt, aber die Wall Street schaut auf das Morgen”, betont Experte Sam Stovall vom Forschungsinstitut CFRA.

Der Börsenindex S&P 500 hat seit dem Tiefpunkt am 23. März wieder 55 Prozent zugelegt. “So schnell wurde in der Geschichte der Börse noch nie ein Bärenmarkt wieder beendet”, sagte Marktanalyst Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Markets. Als Hauptgrund für die rasante Kurserholung gilt das Öffnen der Geldschleusen durch die US-Zentralbank, die Hilfen im Volumen von drei Billionen Dollar auf den Weg brachte und sogar Unternehmensanleihen aufkaufte. Die Konjunkturspritzen vom Staat ermunterten Investoren ebenso, wieder bei Aktien zuzugreifen. “Es schwappt eine Menge Geld im System herum und ein großer Teil davon fließt in Aktien”, sagt Jeff Buchbinder, Aktienstratege beim Broker LPL Financial.

Deutlich verhaltener geht es auf der anderen Seite des Atlantiks zu. “Während die Party in New York also weitergeht, ist die Stimmung an den europäischen Börsen eher gedrückt”, beschreibt Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader den Unterschied. Für keinen Zufall halten Experten das Zusammentreffen des Wall Street-Rekords mit dem Fall des US-Dollars auf einen Zwei-Jahres-Tiefstand. Die Schwäche des Greenback, die US-Produkte im Ausland billiger und die US-Unternehmen daher konkurrenzfähiger macht, und die Stärke der US-Aktien sage vermutlich etwas “über den wahren Preis des S&P” aus, sagte Rabobank-Stratege Michael Every.

RALLY ODER RISIKO VORAUS

Für weiter steigende Kurse braucht es nach Ansicht von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege bei der Deutschen Bank, einen neuen Impuls. “Zwar hält die konjunkturelle Erholung in den USA weiter an, sie scheint sich jedoch zu verlangsamen.” Dafür sprächen das langsamere Wachstum der Auto- und Möbelverkäufe in den USA im Juli im Vergleich zum Juni. Auslöser für weitere Kursgewinne könnte etwa die Einigung auf ein Konjunkturpaket im US-Kongress sein. Einem Insider zufolge ist nun aber ein deutlich abgespecktes Programm im Volumen von rund einer halben Billion Dollar im Gespräch.

Die hohen Bewertungen der Aktien, die an die Dotcom-Blase vor zwei Jahrzehnten erinnern, lassen Börsianer aber auch Rückschläge fürchten. Mittlerweile machen nur fünf Aktien - Microsoft, Apple, Amazon, der Google-Mutterkonzern Alphabet und Facebook - mehr als ein Fünftel der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500-Index aus. Weil die Technologie-Konzerne aber auch einen hohen Anteil an den Gewinnen der S&P-Unternehmen haben, seien diese Aktien weiter attraktiv, betont Buchbinder. Dies gelte insbesondere angesichts der historisch niedrigen Renditen auf dem Anleihenmarkt. “Die Kluft zwischen den Gewinnern und den Verlierern wird größer und die Starken werden stärker.”

Für weitere Unsicherheit könnte die anstehende US-Präsidentenwahl im November sorgen. Selbst wenn der US-Aktienmarkt auf eine Wiederwahl Donald Trumps kurzfristig positiv reagieren könnte, müsste sich der Markt wohl auf weitere Unabwägbarkeiten einstellen, sagt Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. Mit einer Wahl des Demokraten Joe Biden könnte die US-Politik zwar wieder berechenbarer werden, auf eine Regulierung der Wirtschaft und höhere Steuern für Unternehmen würden die Börsen aber empfindlich reagieren. (Redigiert von Sabine Wollrab. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern 030 2201 33711 (für Politik und Konjunktur) oder 030 2201 33702 (für Unternehmen und Märkte)

for-phone-onlyfor-tablet-portrait-upfor-tablet-landscape-upfor-desktop-upfor-wide-desktop-up