November 13, 2013 / 4:53 PM / 6 years ago

Philippinen versinken nach Taifun im Chaos

Tacloban (Reuters) - Fünf Tage nach dem Taifun “Haiyan” mit Tausenden Toten versinken die Philippinen immer tiefer im Chaos.

In einigen Katastrophengebieten der Insel Leyte herrschte am Mittwoch fast Anarchie: In dem Dorf Abucay unweit der weitgehend zerstörten Stadt Tacloban lieferten sich Sicherheitskräfte Feuergefechte mit bewaffneten Zivilisten, wie der Lokalsender ANC berichtete. Menschen plünderten unter Lebensgefahr Geschäfte und Lagerhäuser auf der Suche nach Lebensmitteln und Trinkwasser. In Alangalang im Norden der Insel wurden acht Menschen unter der einstürzenden Wand eines staatlichen Reisspeichers begraben. Vorräte gingen zur Neige, die internationale Hilfe kam wegen der zerstörten Infrastruktur nur vereinzelt an.

Besonders dramatisch war die Lage in Bogo auf der Insel Cebu. Dort waren am Nachmittag eine halbe Palette Wasserflaschen und fünf Kartons Lebensmittel alles, was für 70.000 Menschen übrig war. “Irgendwie wurden wir übersehen”, sagte Bürgermeister Celestio Martinez Jr. resigniert. In Tacloban buddelten Überlebende der Sturm-Katastrophe Wasserleitungen aus und bohrten sie an, um etwas zu trinken zu haben. “Wir wissen nicht, ob es sicher ist. Wir müssen es abkochen. Aber wenigstens haben wir etwas”, sagte der 38-jährige Christopher Dorano.

“Haiyan” war am Freitag mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 380 Kilometern pro Stunde über die Philippinen gepeitscht. Der Sturm gilt als der schwerste Taifun, der jemals auf Land getroffen ist.

DREI KILO REIS UND EIN LITER WASSER PRO HAUSHALT

Auch aus anderen Teilen der Insel wurden Plünderungen berichtet. Lagerhäuser des Lebensmittelkonzerns Universal Robina und der Pharmafirma United Laboratories seien ebenso ausgeräumt worden wie eine Reisfabrik, sagte der Leiter der örtlichen Handelskammer. Das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Soldaten, die in Tacloban in die Luft schossen, um Plünderer zu vertreiben.

Die Lagerhäuser seien mittlerweile leer, daher durchkämmten die Menschen einzelne Häuser, sagte Taclobans Stadtverwalter Tecson John Lim der Nachrichtenagentur Reuters. Doch er äußerte auch Verständnis: “Das Plündern ist kein Verbrechen. Es ist reine Selbsterhaltung.” Die Bewohnerin Rachel Garduce sagte, in ihrem verwüsteten Viertel würden gerade einmal drei Kilo Reis und ein Liter Wasser verteilt - pro Tag und pro Haushalt. Das reiche nicht. Ihre Tante aus der Hauptstadt Manila 580 Kilometer im Norden sei unterwegs mit Vorräten. “Wir hoffen, dass sie nicht überfallen wird.”

Auf dem Flughafen von Tacloban versuchten bei Einbruch der Dunkelheit Spezialeinheiten der Armee, Hunderte Hilfesuchende in Schach zu halten. Viele der auf Lebensmittel oder einen Platz auf einer der wenigen Transportmaschinen Wartenden beklagten sich, Familienangehörige von Soldaten würden bevorzugt versorgt oder ausgeflogen.

Das genaue Ausmaß der Katastrophe ist immer noch nicht klar, da viele Gebiete nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten sind. Präsident Benigno Aquino schraubte die Totenzahlen drastisch herunter. Lange war von mehr als 10.000 Toten die Rede. Derzeit gehe die Regierung eher von 2000 bis 2500 Opfern aus, sagte er. Offiziell war am Mittwoch von 2275 Toten und 84 Vermissten die Rede, was Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aber in Zweifel zogen. “Wahrscheinlich werden die Zahlen höher ausfallen”, sagte die Generalsekretärin des philippinischen Roten Kreuzes, Gewndolyn Pang. Die Organisation geht vorläufig von 22.000 Vermissten aus, wobei einige davon womöglich inzwischen ausfindig gemacht wurden. Mehr als 670.000 Menschen mussten nach UN-Angaben wegen des Sturms ihre Behausung aufgeben.

“NIEMAND HILFT UNS”

Die internationale Hilfe lief immer stärker an. Zahlreiche Staaten beteiligten sich, darunter auch Deutschland, von wo aus zwei weitere Hilfsflugzeuge starteten. Im Laufe der Woche wurde ein Flugzeugträger der USA in der Region erwartet, dessen Hubschrauber Hilfsgüter und Helfer in Gebiete bringen können, die wegen zerstörter Straßen, Brücken und Landeplätze sonst kaum zu erreichen sind.

Auch die Krankenhäuser schienen völlig überfordert. Auf einer Bank in einer Klinik in Tacloban saß eine Frau mit einem toten Baby im Arm, eingewickelt in eine schwarze Jacke. Das Kind sei vor “Haiyan” krank geworden. Doch nach dem Sturm habe es keine Medizin gegeben. Ihr fünfmonatiges Kind habe Krämpfe bekommen und sei gestorben. Dem Fernsehsender ABS-CBN sagte sie: “Niemand hilft uns.”

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