April 11, 2010 / 12:27 PM / 9 years ago

Kaczynski-Tod zwingt trauernde Polen zur Neuorientierung

Warschau/Smolensk (Reuters) - Der Tod des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und eines Teils der politischen Elite hat eine Schockwelle durch das Land geschickt, das sich in seiner Trauer nun neu orientieren muss. In einer einwöchigen Staatstrauer müssen auch die Weichen für die politische Zukunft Polens neu gestellt werden. Mit Kaczynski und seiner Frau Maria starben bei dem Flugzeugabsturz in Russland fast die gesamte Militärführung, sowie viele Politiker und Parlamentarier. Am Sonntag gedachten die Polen in zwei Schweigeminuten der Toten. In Warschau zogen Tausende vor den Präsidentenpalast und verwandelten die Umgebung in ein Meer aus Blumen, Kerzen, rot-weißen Nationalflaggen und Bildern der Verstorbenen. Am Nachmittag traf der Sarg mit dem Leichnam Kaczynskis in Warschau ein.

Trauernde vor dem Presidentenpalast in Warschau nach dem Tod von Polens Präsidenten Lech Kaczynski und seiner Frau Maria am 11. April 2010. REUTERS/Petr Josek

Die Präsidentenmaschine, eine 20 Jahre alte Tupolew 154, war am Samstag in dichtem Nebel beim Anflug auf das westrussische Smolensk abgestürzt. Alle 97 Insassen starben. Russischen Angaben zufolge hatten die Piloten Warnungen der Fluglotsen ignoriert.

“Angesichts eines solchen Dramas ist unsere Nation geeint”, sagte der Parlamentspräsident und amtierende Staatspräsident Bronislaw Komorowski in einer Fernsehansprache. “Es gibt keine Trennung zwischen links und rechts; unterschiedliche Ansichten spielen keine Rolle.” Komorowski kündigte an, nach Gesprächen mit den Parteien einen Termin für die eigentlich für Oktober geplante Präsidentenwahl festzusetzen. Der 58-Jährige geht selbst für die Regierungspartei von Ministerpräsident Donald Tusk ins Rennen. Umfragen zufolge hätte er Kaczynski bei der regulären Wahl geschlagen. Laut Verfassung muss bis Ende Juni gewählt werden.

Komorowski, Tusk sowie Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw waren am Sonntag zum Warschauer Flughafen gekommen, um dort den Sarg mit dem Leichnam des Präsidenten in Empfang zu nehmen. Später sollte der Sarg im Präsidentenpalast öffentlich aufgebahrt werden.

In den Trümmern der Präsidentenmaschine starben zusammen mit Kaczynski und seiner Frau zentrale Figuren des öffentlichen Lebens: die Chefs der Zentralbank, des Generalstabs, des Heeres und der Marine sowie mehrere Abgeordnete der oppositionellen Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS), die von Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw geführt wird. Viele der Toten hatten eines gemeinsam, nämlich ihren Widerstand gegen Regierungschef Tusk und seiner Europa und der Marktwirtschaft zugeneigten Politik. Das Machtgefüge in Polen dürfte sich also mit einem Schlag so verschoben haben, dass Tusk seine schon beträchtliche Dominanz noch ausbauen könnte.

Tusk und der amtierende Präsident Komorowski zündeten Kerzen an, als am Sonntag Glocken und Sirenen zum Gedenken ertönten. Tusk sprach vom “tragischsten Ereignis in der polnischen Nachkriegsgeschichte”. Nicht nur in Warschau, sondern auch andernorts in dem tief katholischen Land gedachten viele Bürger in Gottesdiensten der Toten. Sie zeigten sich schockiert von der Tragik der Geschichte: Das Unglück ereignete sich unweit von Katyn, wo sowjetische Geheimagenten 1940 rund 22.000 polnische Offizieren und Intellektuelle getötet hatten. Kaczynskis Delegation war auf dem Weg, um der Katyn-Opfer zu gedenken.

ZUR OFFIZIELLEN KATYN-GEDENKFEIER WAR DONALD TUSK GELADEN

Zu der offiziellen Gedenkfeier zum 70. Jahrestag am Mittwoch hatte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin Ministerpräsident Tusk, nicht aber Kaczynski eingeladen. Dieser war ein entschiedener Putin-Kritiker, wenngleich er in jüngster Zeit versöhnlichere Töne angeschlagen hatte. Putin sprach den Polen am Samstag in einer Fernsehansprache sein Beileid aus. “Dies ist auch für uns eine Tragödie”, sagte er. Die Moskauer Regierung wie auch die Ukraine erklärten den Montag zum Staatstrauertag.

Obwohl der polnische Präsident eher repräsentative Aufgaben wahrnimmt, kann er Gesetze per Veto stoppen. So hatte Kaczynski mehrere Reformen der Tusk-Regierung blockiert. Er war ein streitbarer Politiker, der sich durchaus Feinde machte.

Kaczynski gehörte einst der Solidaritätsbewegung an, die 1989 in Polen den Kommunismus zu Fall brachte, und war damit ein Weggefährte Lech Walesas. Der Ex-Gewerkschaftsführer und frühere polnische Präsident sagte: “Wir haben zusammengearbeitet, um die polnische Demokratie aufzubauen.” Später hätten sich ihre Wege wegen Meinungsverschiedenheiten getrennt. “Aber dieses Kapitel ist abgeschlossen.

Aus der ganzen Welt trafen in Beileidsbekundungen ein: Bundespräsident Horst Köhler würdigte Kaczynski als großen Patrioten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich schockiert über das Unglück. In einem Kondolenzschreiben an Tusk erklärte die Regierungschefin: “Ganz Deutschland steht in dieser schweren Stunde in Mitgefühl und Solidarität an Ihrer und der Seite Polens”. US-Präsident Barack Obama würdigte Kaczynskis Rolle in der Solidaritäts-Bewegung.

- Von Gabriela Baczynska und Lidia Kelly -

0 : 0
  • narrow-browser-and-phone
  • medium-browser-and-portrait-tablet
  • landscape-tablet
  • medium-wide-browser
  • wide-browser-and-larger
  • medium-browser-and-landscape-tablet
  • medium-wide-browser-and-larger
  • above-phone
  • portrait-tablet-and-above
  • above-portrait-tablet
  • landscape-tablet-and-above
  • landscape-tablet-and-medium-wide-browser
  • portrait-tablet-and-below
  • landscape-tablet-and-below