March 29, 2010 / 7:46 AM / 9 years ago

TOPTHEMA-Dutzende Tote bei Selbstmordanschlägen in Moskaus Metro

Moskau (Reuters) - Zwei Selbstmordanschläge in der Moskauer U-Bahn haben Russland bis ins Mark erschüttert.

A fire-fighter and Interior Ministry officers work near the entrance of the Lubyanka metro station in Moscow March 29, 2010. REUTERS/Alexander Natruskin

Mitten im Berufsverkehr sprengten sich zwei Frauen am Montag kurz hintereinander in die Luft und rissen mindestens 37 Menschen mit in den Tod. Eine der Bomben ging in unmittelbarer Nähe der Geheimdienstzentrale hoch. Bei den schwersten Anschlägen in der russischen Hauptstadt seit sechs Jahren wurden mehr als 60 Menschen verletzt. Ein Bekennerschreiben lag nicht vor, aber der Geheimdienst erklärte umgehend, die Spur der Täter führe in den Nordkaukasus, wo die islamistische Gewalt nicht abebbt. Präsident Dmitri Medwedew drohte, kompromisslos den “Krieg gegen den Terror” fortzusetzen.

Der erste Sprengsatz zerriss kurz vor 8.00 Uhr einen voll besetzen U-Bahn-Wagen an der Station Lubjanka im Zentrum Moskaus, nur wenige Meter entfernt vom Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes. Mindestens 23 Menschen fanden den Tod. Überwachungskameras zeigten leblose Körper auf dem Boden. Sanitäter beugten sich über die Opfer. Schnell breitete sich Panik aus, als die Überlebenden versuchten, sich im dichten Qualm einen Weg nach draußen zu bahnen.

Die zweite Explosion sorgte rund 40 Minuten später in einem wartenden Zug am Bahnhof Park Kulturi umweit des beliebten Gorki Parks für Angst und Schrecken. “Ich war in der Mitte der Bahn, als ich plötzlich im ersten oder zweiten Wagen eine laute Explosion hörte”, berichtete ein Augenzeuge. “Ich habe die Erschütterung in meinem ganzen Körper gespürt. Die Menschen haben höllisch geschrien. Nach etwa zwei Minuten war alles in Rauch gehüllt.” “An den Türen stolperten alle Menschen übereinander”, sagte ein anderer Zeuge. “Ich habe eine Frau mit einem Kind auf dem Arm gesehen. Sie hat darum gefleht, durchgelassen zu werden, aber es war unmöglich.”

BOMBEN SETZTEN SCHRAUBEN UND EISENTEILCHEN FREI

Nach Angaben des Inlandsgeheimdienst-Chefs Alexander Bortnikow waren die Bomben mit Schrauben und Eisenteilchen gefüllt. Die Anschläge offenbarten Lücken im Sicherheitsapparat, die nach vergleichbaren Taten nur unzureichend geschlossen worden waren. Aus Angst vor weiteren Anschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen etwa auf Flughäfen verstärkt.

Es wurde damit gerechnet, dass die Zahl der Toten noch steigt, da mindestens 30 Menschen sehr schwere Verletzungen erlitten. Sie wurden in Rettungshubschraubern in Kliniken gebracht. Vor den Bahnhöfen standen Krankenwagen bereit. In die unterirdischen Stationen wurden Leichensäcke gebracht. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, er gehe nicht davon aus, dass Deutsche unter den Opfern seien.

Bortnikow sagte weiter, Forensik-Experten hätten sterbliche Überreste der beiden Attentäterinnen sichergestellt. In der Vergangenheit hatten wiederholt Witwen und Schwestern getöteter muslimischer Extremisten aus dem Kaukasus, sogenannte schwarze Witwen, Anschläge verübt. Die russischen Behörden versuchen vergeblich, die Gewalt in der muslimisch geprägten Region an der Grenze zu Georgien und Aserbaidschan unter Kontrolle zu bringen. Die Gewalt konzentriert sich auf Dagestan und Inguschetien, doch auch Tschetschenien ist nicht zur Ruhe gekommen. Dort hatte der Rebellen-Anführer Doku Umarow im Februar im Internet angekündigt, den “Krieg in die russischen Städte” zu tragen.

PUTIN: WERDEN HINTERMÄNNER GNADENLOS JAGEN

Medwedew sprach von einem Versuch, Russland zu destabilisieren und kündigte einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten an. Ministerpräsident Wladimir Putin drohte den Hintermännern des Doppel-Anschlags mit einer gnadenlosen Jagd. Er brach eine Reise nach Sibirien ab und kehrte nach Moskau zurück. US-Präsident Barack Obama sprach von “abscheulichen terroristischen Anschlägen” und sicherte dem russischen Volk die Anteilnahme der Amerikaner zu.

Es waren die schlimmsten Anschläge in Moskau seit Februar 2004. Damals starben mindestens 39 Menschen als sich ein nach Behördenangaben tschetschenischer Selbstmordattentäter in der Metro in die Luft sprengte. Zuletzt war im November ein Sprengsatz entlang der Bahnstrecke zwischen Moskau und Sankt Petersburg explodiert. Bei dem Anschlag auf einen Hochgeschwindigkeitszug, der ebenfalls Extremisten aus dem Kaukasus zur Last gelegt wird, kamen 27 Menschen ums Leben.

Der Rubel gab in Reaktion auf die Ereignisse deutlich nach, erholte sich aber im Handelsverlauf wieder. Die russischen Aktienmärkte tendierten kaum verändert.

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