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HINTERGRUND-Moskaus Militärübung Sapad - Einmal heißer Krieg und zurück
24. August 2017 / 13:32 / vor 3 Monaten

HINTERGRUND-Moskaus Militärübung Sapad - Einmal heißer Krieg und zurück

Berlin (Reuters) - Am Anfang dürfte der Kampf gegen Aufständische an Russlands Westflanke stehen, am Ende der totale Atomkrieg gegen die Nato: Für das Großmanöver “Sapad 2017” wird die russische Regierung im September nach Schätzungen von Nato-Staaten wohl rund 100.000 Soldaten mobilisieren.

A T-72 tank, operated by a crew from Russia, drives during the Tank Biathlon competition, part of the International Army Games 2017, at a range in the settlement of Alabino outside Moscow, Russia, August 8, 2017. REUTERS/Maxim Shemetov

Dabei ähnelt das Szenario zwar dem der Vorgängerübung vor vier Jahren, doch die Sicherheitslage hat sich seither drastisch verschlechtert. Denn ein Jahr nach dem letzten Manöver eroberte Russland auch mit Hilfe der dort erprobten Taktiken die ukrainische Halbinsel Krim - und löste so ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine neue Eiszeit im Verhältnis zur Nato aus. Entsprechend aufmerksam beobachtet der Westen die neue Übung, die wenige Monate vor der Präsidentenwahl in Russland stattfindet und Moskaus größtes Militärmanöver seit dem Kalten Krieg werden könnte.

“Als Russland die Krim eroberte, geschah dies vor dem Hintergrund eines Manövers. Auch der Einmarsch in Georgien war ein Manöver”, warnte der Kommandeur der US-Truppen in Europa, Ben Hodges, schon vor Wochen. Russland verstoße regelmäßig gegen Abmachungen. Die USA würden daher vorsichtshalber drei Verbände Luftlandetruppen mit bis zu 600 Soldaten für die Dauer von “Sapad” in den drei Balten-Staaten stationieren, um in höchster Alarmbereitschaft zu sein, kündigte der General an.

Der russische Nato-Botschafter Alexander Gruschko warf der westlichen Allianz dagegen vor, die Übung vom 14. bis zum 20. September zu dämonisieren. Für Russland ist das Herbstmanöver zum Abschluss der Ausbildung der Truppen über die Sommermonate Routine: Jedes Jahr ist ein anderer Militärbezirk des Riesenreichs an der Reihe, dieses Jahr eben wieder der Westen, auf russisch “Sapad”. Als Schauplatz der Kernübung ist Weißrussland geplant, Russlands engster militärischer Verbündeter. Dort sollen sich insgesamt rund 12.500 Soldaten an dem Manöver beteiligen, darunter vermutlich etwa 2000 Russen. Westliche Militärbeobachter sind nicht eingeladen: Dies wäre laut dem Wiener Dokument erst ab einer Übung von 13.000 Soldaten vorgeschrieben - eine Zahl, die Russland in den offiziellen Meldungen regelmäßig unterschreitet.

Nach den Erfahrungen der Vergangenheit rechnet Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg allerdings auch dieses Mal mit einem wesentlich größeren Ausmaß des Manövers als offiziell angekündigt. Denn abseits der Kernübung zeichnen sich bereits zahlreiche weitere Übungen ab, die am Ende in das große “Sapad”-Szenario münden dürften: Erwartet werden unter anderem Übungen der Nordflotte, in der Schwarzmeerregion und im ganzen Militärbezirk West, der an das Baltikum grenzt. Neben Heer, Luftwaffe und Marine werden dabei wohl auch die Geheimdienste, Truppen der Innenministeriums zur Aufstandsbekämpfung und zivile Stellen zum Einsatz kommen.

Geprobt werden dürfte unter anderem die strategische Verlegung von Truppen mit Flugzeugen und per Bahn in den Westen. Auch Alarmierungsübungen, für die Russland in der Vergangenheit auf einen Schlag über 80.000 Soldaten mobilisierte, werden wohl auf dem Programm stehen. Die Nato hat diese “snap exercises”, die auch den Auftakt zur Annexion der Krim bildeten, angesichts der verschlechterten Sicherheitslage immer wieder als gefährlich kritisiert. Zudem dürften wie bereits 2013 erneut taktische Atomwaffen zu beobachten sein. Nach russischer Militärdoktrin dürfen sie als eine Art “letzte Aufforderung zum Dialog” eingesetzt werden, wenn dadurch ein Atomkrieg mit strategischen Nuklearwaffen verhindert werden kann.

NERVOSITÄT IM BALTIKUM

Vor allem die drei Balten-Staaten mit ihren teils starken russischen Minderheiten, deren Territorium als schwer zu verteidigende Achilles-Ferse der Nato gilt, beobachten “Sapad 2017” mit Nervosität. Nach der Annexion der Krim stationierte die Militärallianz erstmals westliche Kampftruppen dort, jeweils ein Nato-Bataillon mit rund 1000 Soldaten soll Russland nun von einem Angriff auf Litauen, Lettland und Estland abschrecken. Die Kampfverbände dienen vor allem als Stolperdraht, als Warnung, dass die Nato mit ihrer Führungsmacht USA eine Attacke auf baltisches Gebiet nicht hinnehmen würde. Militärisch dagegen könnten die Bataillone wohl nicht allzu viel ausrichten: Auf russischer Seite stehen ihnen im Militärbezirk West Schätzungen zufolge drei Armeen mit allein rund 100.000 Soldaten Kampftruppe gegenüber.

Dazu kommt, dass Russland mit der zwischen Litauen und Polen eingekeilten Enklave Kaliningrad über einen Vorposten mitten im Nato-Gebiet verfügt. Seit Jahren bereits rüstet die Regierung in Moskau das Territorium an der Ostsee zur Festung auf: Für Aufsehen sorgte vor allem die Verlegung von Iskander-Raketen dorthin, die mit Atomwaffen bestückt werden können. Doch auch die Marine wird im Zuge der Streitkräfte-Modernisierung massiv gestärkt. Kaliningrad ist Heimathafen russischer Korvetten, die mit Kaliber-Marschflugkörpern ausgerüstet sind - Lenkflugkörpern mit einer Reichweite von bis zu 2500 Kilometern, die Atomwaffen tragen und fast ganz Europa erreichen können. Zuletzt verschoss Russland den Marschflugkörper vom Kaspischen Meer aus auf Ziele in Syrien.

BUNDESWEHR NAHE AN STRATEGISCH WICHTIGER SUWALKI-LÜCKE

Anders als 2013 werden westliche Truppen beim diesjährigen “Sapad”-Manöver durch die Stationierung im Baltikum sehr nah dabei sein. Die Bundeswehr, die das Nato-Bataillon in Litauen führt, hat dabei einen Platz in der ersten Reihe: 420 deutsche Soldaten sind aktuell in Rukla im Einsatz. Von dem Örtchen aus sind es je nach Himmelsrichtung etwa 150 Kilometer zur Grenze Weißrusslands, Kaliningrads oder bis zur sogenannten Suwalki-Lücke an der Grenze nach Polen. Der rund 100 Kilometer lange Streifen zwischen Polen und Litauen ist so etwas wie das Fulda Gap des alten Kalten Krieges, wo die Nato einen Angriff der Roten Armee vermutete: Der schmale Landkorridor verbindet das Baltikum mit den übrigen Gebieten der Nato, trennt aber zugleich das unter Moskaus Einfluss stehende Weißrussland von Kaliningrad.

Militärs halten es daher für schwer vorstellbar, dass Russland die strategisch wichtige Suwalki-Lücke im Falle einer Krise nicht sichern würde. Zugleich würde die Regierung in Moskau damit aber das Baltikum vom Rest der Nato abschneiden. Im Juni übten amerikanische und britische Soldaten daher erstmals mit einem größeren Manöver die Verteidigung der Suwalki-Lücke gegen einen russischen Angriff. “Der Landstreifen ist durch seine geographische Lage sehr verwundbar. Es muss dort natürlich nicht zum Angriff kommen. Aber wenn der Korridor geschlossen würde, wären drei Verbündete im Norden möglicherweise vom Rest der Allianz isoliert”, warnte US-General Hodges.

Für weitere Verunsicherung in den baltischen Staaten sorgten vor einigen Monaten Befürchtungen, Russland könnte nach dem “Sapad”-Manöver Tausende Soldaten und Militärmaterial auf Dauer in Weißrussland lassen. Zuletzt wurden derartige Mutmaßungen allerdings nicht mehr laut. Russland selbst äußert sich nicht zum Ausmaß von “Sapad”, bezeichnet das Manöver aber als Reaktion auf die Stationierung der Nato-Bataillone in Polen und dem Baltikum.

Der Westen deutet “Sapad” letztlich aber als Botschaft der Abschreckung, mit der der Nato unmissverständlich klargemacht werden soll, dass Moskau willens und fähig zur Verteidigung des eigenen Territoriums ist. Die Tatsache, dass es sich um das größte russische Manöver seit dem Kalten Krieg handeln könnte, wird eher gelassen registriert und nicht als akute Kriegsgefahr bewertet: Russland sei jetzt einfach so weit, eine solche Großübung stemmen zu können - anders als in den 90er Jahren, als das russische Militär dafür viel zu heruntergewirtschaftet gewesen sei.

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