October 20, 2018 / 2:50 PM / a month ago

Saudi-Arabien räumt Tötung des Journalisten Chaschoggi ein

- von Aziz El Yaakoubi und Yara Bayoumy und Jeff Mason

A Saudi flag flutters atop Saudi Arabia's consulate in Istanbul, Turkey October 20, 2018. REUTERS/Huseyin Aldemir

Dubai/Washington/Berlin (Reuters) - Nach wochenlangem Dementi hat Saudi-Arabien eingestanden, dass der Journalist Dschamal Chaschoggi im Konsulat des Königreichs in der Türkei getötet worden sei.

Die Staatsanwaltschaft in Riad erklärte am Samstag, der saudiarabische Kolumnist der “Washington Post” sei bei einem Kampf mit Personen umgekommen, die er im Konsulat in Istanbul getroffen habe. Türkische Medien hatten zuvor unter Berufung auf Tonaufnahmen berichtet, der bekannte Kritiker des saudischen Königshauses sei gefoltert und ermordet worden.

US-Präsident Donald Trump bezeichnete dennoch die amtliche Darstellung des wichtigen US-Verbündeten in Riad als glaubwürdig. Von der Bundesregierung war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Die SPD forderte eine deutliche gemeinsame Reaktion europäischer Regierungen und plädierte für einen Boykott einer Investorenkonferenz in Saudi-Arabien.

Der saudische König Salman ordnete staatlichen Medien zufolge an, den Vizegeheimdienstchef Ahmed Assiri und den Königshaus-Berater Saud al-Kahtani, der als rechte Hand von Kronprinz Mohammed bin Salman gilt, ihrer Posten zu entheben. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, die Ermittlungen liefen noch. 18 saudiarabische Staatsbürger seien festgenommen worden.

Trump sprach von einem “guten ersten großen Schritt”. Saudi-Arabien sei ein “großartiger Verbündeter”. SPD-Vizefraktionschef Rolf Mützenich sprach dagegen von einer “brutalen Ermordung” des Kritikers des Königshauses. Es sei zu “vermuten, dass die veröffentlichte Version mehr als unglaubwürdig ist”. Er forderte eine “deutliche, unverzügliche und gemeinsame Reaktion europäischer Regierungen”. CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt nannte Chaschoggis Tötung eine “nicht hinnehmbare Menschenrechtsverletzung”. Die aktuelle Entwicklung zeige, dass der saudische König ein Interesse an Aufklärung habe. Wenn aber saudiarabische Regierungsstellen involviert seien, “werden wir über geeignete Maßnahmen diskutieren müssen”.

Mützenich legte deutschen Unternehmen nahe, die geplante Investorenkonferenz in Saudi-Arabien zu boykottieren. Es sei “unter dieses Umständen auch unvorstellbar, dass hochrangige deutsche Wirtschaftsvertreter nächste Woche nach Riad reisen”.Immer mehr Größen aus Wirtschaft und Politik hatten ihre Teilnahme an der Investorenkonferenz bereits in den vergangenen Tagen abgesagt, darunter US-Finanzminister Steven Mnuchin undAirbus-Rüstungschef Dirk Hoke. Der Medienkonzern Fox Business Network zog sich als Sponsor der Veranstaltung zurück. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sagte ebenfalls ab.

SAUDI-ARABIEN: KRONPRINZ WAR NICHT BETEILIGT

Kronprinz Mohammed bin Salman ordnete Medienberichten zufolge die Bildung eines Ministerialkomitees an, das den Geheimdienst umbauen solle. Ein mit den Ermittlungen vertrauter Vertreter Saudi-Arabiens sagte, der Kronprinz habe nichts von einem Einsatz gegen Chaschoggi gewusst. Ganz sicher habe er auch keine Entführung oder Ermordung angeordnet. Ein Vertreter einer saudiarabischen Behörde sagte Reuters, saudiarabische Staatsbürger hätten im Konsulat eine körperliche Auseinandersetzung mit Chaschoggi gehabt. Sie hätten ihn ruhig halten wollen. Er sei durch einen Würgegriff gestorben.

Türkische Medien berichteten dagegen unter Berufung auf Tonaufnahmen aus dem Konsulat, Chaschoggi seien bei einem Verhör die Finger abgetrennt worden. Er sei später enthauptet und zerstückelt worden. Chaschoggi, der zuletzt in den USA lebte, wollte am 2. Oktober im Konsulat Dokumente für seine bevorstehende Hochzeit holen. Seither galt er als vermisst. Die türkischen Behörden gingen davon aus, dass er in dem Konsulat getötet und seine Leiche fortgeschafft wurde. Saudi-Arabien hatte dies zunächst zurückgewiesen und erklärte, der Journalist habe das Konsulat wieder verlassen. Chaschoggis türkische Verlobte Hatice Cengiz brachte bei Twitter ihre Trauer zum Ausdruck und fragte nach dem Verbleib des Leichnams.

TRUMP GEGEN KÜNDIGUNG VON WAFFEN-DEALS

Aus türkischen Regierungskreisen hieß es, die Ermittler würden über kurz oder lang den Leichnam finden. Eine Möglichkeit sei, dass die Leiche im Belgrader Wald - einem Naherholungsgebiet nördlich von Istanbul - oder in einer ländlichen Gegend bei Yalova etwa 90 Kilometer südlich von Istanbul versteckt worden sei. Die Ermittler überprüften die Fahrtrouten aller Wagen, die am Tag von Chaschoggis Verschwindens das Konsulat verlassen hätten.

Trump hatte vor der Bestätigung von Chaschoggis Tod am Freitag nicht ausgeschlossen, dass Sanktionen verhängt werden könnten, auch wenn Saudi-Arabien ein wichtiger Verbündeter sei. Nachdem Saudi-Arabien Chaschoggis Tod dann doch einräumte, sagte er während eines Aufenthalts in Arizona zu Journalisten, er glaube nicht, dass die Führung in Riad ihn angelogen habe. Was passiert sei, sei aber inakzeptabel. Er werde mit dem Kronprinzen den Fall besprechen. Trump sprach sich jedoch dagegen aus, als Konsequenz Waffengeschäfte zu streichen.

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