October 19, 2018 / 9:55 AM / a month ago

Trump hält Chaschoggi für tot - Berlin mahnt Saudis zu Erklärung

- von Jeff Mason und Sabine Siebold

U.S. President Donald Trump talks to reporters about journalist Jamal Khashoggi's disappearance prior to boarding Air Force One for travel to Montana from Joint Base Andrews, Maryland, U.S., October 18, 2018. REUTERS/Jonathan Ernst

Washington/Berlin (Reuters) - US-Präsident Donald Trump hält den regimekritischen saudiarabischen Journalisten Dschamal Chaschoggi für tot.

“Es sieht ganz danach aus”, antwortete Trump am Donnerstag auf eine entsprechende Frage von Journalisten: “Es ist sehr traurig.” Vermutlich träfen Geheimdienstinformationen zu, wonach hochrangige Saudis in den mutmaßlichen Mord verwickelt seien. Noch sei es aber zu früh, um abschließende Schlussfolgerungen zu ziehen, wer der Drahtzieher sei. Sollte sich herausstellen, dass Saudi-Arabien hinter der Tat stecke, müssten die Konsequenzen sehr hart sein.

Bundesaußenminister Heiko Maas drängte die Regierung in Riad zu rascher Aufklärung. Die türkische Polizei durchkämmte unterdessen ein Waldgebiet am Rande Istanbuls und einen Ort am Marmara-Meer auf der Suche nach den sterblichen Überresten Chaschoggis, wie aus Sicherheitskreisen verlautete.

US-Außenminister Mike Pompeo erklärte nach seiner Rückkehr von Gesprächen in Saudi-Arabien und der Türkei, er habe Trump empfohlen, der Regierung in Riad noch ein paar Tage für ihre Untersuchungen im Fall Chaschoggi zu geben. Dann könnten die USA entscheiden, ob und wie sie reagierten. Er erinnerte daran, dass die USA seit 1932 eine lange, strategische Beziehung zu dem Königreich unterhielten. Dieses sei auch ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Terror. Trump sagte, er warte auf die Ergebnisse der Untersuchungen in Saudi-Arabien, “um der Sache rasch auf den Grund zu gehen”. Dann werde er eine Erklärung abgeben. In US-Regierungskreisen hieß es, die US-Geheimdienste seien zunehmend überzeugt, dass Kronprinz Mohammed bin Salman die Verantwortung für das Vorgehen gegen Chaschoggi trage.

Aus türkischen Sicherheitskreisen verlautete, die Ermittler hätten die Fahrtrouten von Wagen überprüft, die am Tag des Verschwindens von Chaschoggi das saudische Konsulat in Istanbul und die Residenz des Konsuls verlassen hätten. Die Mörder könnten die Leiche des Journalisten danach im Belgrad-Wald nahe Istanbul oder nahe dem Ort Yalova, 90 Kilometer südlich der Stadt, versteckt haben. Möglicherweise seien die sterblichen Überreste in einem Bauernhaus oder einer Villa verborgen.

“WIRD LANGSAM ZEIT FÜR DIE ANGEKÜNDIGTE ERKLÄRUNG”

Die Bundesregierung forderte die saudische Führung auf, sich endlich zu erklären. “Wir sind (...) der Auffassung, dass es so langsam an der Zeit ist, dass die angekündigte Erklärung Saudi-Arabiens einmal erfolgt, damit wir dies auch beurteilen können”, sagte Maas in Berlin. “Sobald wir diese Erklärung kennen, werden wir daraus unsere Konsequenzen ziehen.” Das Auswärtige Amt habe dem saudischen Botschafter in Berlin schon sehr früh mitgeteilt, dass es umfassende und unverzügliche Aufklärung in dem Fall erwarte. Sobald die Fakten auf dem Tisch lägen, müsse die internationale Staatengemeinschaft möglichst gemeinsam die Konsequenzen ziehen.

Unklar blieb zunächst, ob der Fall auch Folgen für die deutschen Rüstungslieferungen an Saudi-Arabien haben wird. Im ersten Halbjahr 2018 genehmigte die Bundesregierung Kriegswaffen-Exporte im Volumen von 147,1 (Vorjahreshalbjahr 78,66) Millionen Euro an das Königreich. Für das dritte Quartal 2018 wurden Genehmigungen für Rüstungslieferungen in Höhe von 254,5 Millionen Euro erteilt.

Für Saudi-Arabien dürfte der Fall Chaschoggi aber auf jeden Fall wirtschaftliche Folgen haben. Immer mehr Größen aus Wirtschaft und Politik sagen ihre Teilnahme an einer Investorenkonferenz kommende Woche in Riad ab, darunter US-Finanzminister Steven Mnuchin und Airbus-Rüstungschef Dirk Hoke. Auch die US-Großbank Goldman Sachs erklärte am Donnerstag, keinen Vertreter dort hin schicken zu wollen. Der Medienkonzern Fox Business Network zog sich als Sponsor der Veranstaltung zurück. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sagte ebenfalls ab.

Die Türkei wirft Saudi-Arabien vor, Chaschoggi im Konsulat des Landes in Istanbul getötet zu haben. Saudi-Arabien weist die Vorwürfe zurück. Trump hatte das saudische Könighaus zunächst in Schutz genommen. Es gelte die Unschuldsvermutung, hatte er am Mittwoch gesagt. Der Sender CNN Turk zitierte den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu mit den Worten, die Türkei habe niemandem Audioaufnahmen zur Verfügung gestellt. Zuvor hatte es in Medienberichten geheißen, Ankara habe einen Mitschnitt der Tötung des Journalisten im Konsulat an die USA übergeben.

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