February 7, 2020 / 6:24 AM / 20 days ago

Credit-Suisse-Chef Thiam stolpert über Beschattungsaffäre

Zürich (Reuters) - Der Machtkampf an der Spitze der Credit Suisse ist entschieden. Tidjane Thiam tritt in einer Woche als Chef der zweitgrößten Schweizer Bank zurück, wie Credit Suisse am Freitag mitteilte.

CEO Tidjane Thiam of Swiss bank Credit Suisse addresses a news conference in Zurich, Switzerland October 30, 2019. REUTERS/Arnd Wiegmann

Der Abgang des 57-Jährigen ist vorläufiger Höhepunkt der Beschattungsaffäre, die das Institut seit September in Atem hält. Der Führungsstreit war in den vergangenen Tagen eskaliert: Obwohl sich einige Großaktionäre auf die Seite Thiams schlugen und den Rücktritt von Urs Rohner forderten, bleibt der Verwaltungsratspräsident wie geplant bis im April 2021 im Amt. Nachfolger von Thiam wird das Credit-Suisse-Urgestein Thomas Gottstein. Er ist der erste Konzernchef mit Schweizer Pass seit 2002. Analysten rechnen nicht damit, dass er dem vor allem auf reiche Privatkunden ausgerichteten Traditionsinstitut einen grundlegenden Kurswechsel verordnet.

Entzündet hatte sich die Führungskrise an einer Beschattungsaffäre. Im Herbst ließ die Bank den zum Erzrivalen UBS wechselnden Star-Manager Iqbal Khan beschatten. Doch die Überwachung flog auf. Credit Suisse wies die Schuld einem Thiam-Vertrauten zu: Chief Operating Officer (COO) Pierre-Oliver Bouee. Thiam selbst habe von alldem nichts gewusst. Doch nach einem zweiten, ähnlichen Fall wurden Zweifel an dieser Aussage und an dem von Thiam und einigen Weggefährten geprägten Führungsstil laut. Laut der Mitteilung erklärte der Ivorer, er bedaure die Überwachung. “Ich hatte keinerlei Kenntnisse von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen. Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt.” Thiam war 2015 von Rohner vom britischen Versicherer Prudential geholt worden.

SCHLAGEN GROßAKTIONÄRE ZURÜCK?

Angesichts immer neuer Enthüllungen und einer laufenden Untersuchung der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) gelangten Rohner und der Verwaltungsrat Insidern zufolge zu der Einsicht, dass ein Befreiungsschlag notwendig sei. Mehrere Großaktionäre wandten sich aber stattdessen gegen Rohner. Doch der Präsident gewann in einer Sitzung des Aufsichtsgremiums offenbar die Oberhand. “Urs Rohner hat den Verwaltungsrat während dieser turbulenten Zeit in anerkennenswerter Weise geführt”, erklärte sein Stellvertreter Severin Schwan, der Chef des Pharmakonzerns Roche. “Alle Schritte des Verwaltungsrates erfolgten einstimmig und nach sorgfältigen Beratungen.”

Ob die kritischen Aktionäre ihre Drohungen wahrmachen und doch gegen Rohner und den Verwaltungsrat vorgehen, war zunächst unklar. Eine nächste Gelegenheit böte die Generalversammlung am 30. April.

Die Aktionäre reagierten ungnädig auf den Chefwechsel, die Aktie sackte fünf Prozent ab. Die Citibank-Analysten erklärten, einige von Thiams Anhängern unter den Eignern könnten angesichts seinss Abgangs Aktien abstoßen. “Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, dass es auch zu einem Umbau im Management und zu einigen Personalabgängen kommt”, erklärte Analyst Andrew Coombs.

“KULTUR DER ANGST UND DES MISSTRAUENS”

Selbst Thiams Kritiker räumen ein, dass der frühere Versicherungsmanager Credit Suisse krisenfester gemacht hat. Er dampfte das riskante Handelsgeschäft ein und investierte in den Ausbau des wesentlich stabileren Geschäfts mit reichen Privatkunden, vor allem in Schwellenländern. Der charismatische Absolvent einer französischen Eliteschule polsterte die Bilanz mit zwei milliardenschweren Kapitalerhöhungen auf und stutzte die Kosten massiv. Dennoch bleiben dunkle Flecken auf seiner Bilanz: So halbierte sich der Wert des Unternehmens in Thiams Amtszeit auf 32 Milliarden Franken. Noch schlechter entwickelten sich nur wenige Geldhäuser, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank.

Zudem machte sich an der Spitze des Unternehmens eine “Kultur der Angst und des Misstrauens” breit, wie ein Insider sagte. Nun soll Gottstein wieder Vertrauen schaffen. Der 55-jährige ehemalige Spitzengolfer arbeitet seit 1999 für die Bank. Er bekleidete Führungspositionen in mehreren Schlüsselbereichen. So war er jahrelang einer der führenden Dealmaker der Schweiz und fädelte etwa den 20-Milliarden-Dollar schweren Verkauf des Medizintechnik-Konzerns Synthes ein. Später betreute er reiche Privatkunden und übernahm 2015 die Leitung des Inlandsgeschäfts. Er soll die Mitarbeiter beruhigen, von denen viele durch die Beschattungsaffäre verunsichert sind. Gleichwohl gibt es Stimmen am Schweizer Finanzplatz, die zweifeln, ob er der Richtige ist, um Credit Suisse neuen Schub zu geben und langfristig zu führen.

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