February 7, 2020 / 2:55 PM / 20 days ago

Beschattungsaffäre kostet Credit-Suisse-Chef Thiam den Job

Zürich (Reuters) - Der Machtkampf an der Spitze der Credit Suisse ist entschieden.

CEO Tidjane Thiam of Swiss bank Credit Suisse addresses a news conference in Zurich, Switzerland October 30, 2019. REUTERS/Arnd Wiegmann

Nach fast fünf Jahren als Konzernchef der zweitgrößten Schweizer Bank gibt Tidjane Thiam kommende Woche das Steuer ab, wie Credit Suisse am Freitag mitteilte. Der Abgang des 57-Jährigen ist vorläufiger Höhepunkt der Beschattungsaffäre, die das Institut seit September in Atem hält. Der Führungsstreit war in den vergangenen Tagen eskaliert: Obwohl sich einige Großaktionäre auf die Seite Thiams schlugen und den Rücktritt von Urs Rohner forderten, bleibt der Verwaltungsratspräsident wie geplant bis im April 2021 im Amt. Nachfolger von Thiam wird das Credit-Suisse-Urgestein Thomas Gottstein. Der erste Konzernchef mit Schweizer Pass seit 2002 will an der bestehenden Strategie festhalten und weiter vor allem reiche Privatkunden bedienen.

Wegen des immer größeren Reputationsschadens sahen sich Rohner und der Verwaltungsrat auf einer Sitzung am Donnerstag offenbar zum Handel veranlasst. “Wir haben gesehen, dass die Situation sich nicht verbessert und dass wir einen Wechsel vornehmen müssen, um wieder in ein normales Fahrwasser zu kommen”, sagte Rohner in einem Radio-Interview. Ob es dem Aufsichtsgremium damit gelingt, den Fall abzuhaken, muss sich noch weisen. Denn die Untersuchung der Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) läuft weiter. “Wichtig für die Bank ist jetzt, dass wieder Ruhe einkehrt”, sagte ein Sprecher.

Entzündet hatte sich die Führungskrise an einer filmreifen Beschattung des früheren Star-Managers Iqbal Khan in der Zürcher Innenstadt. Auf offener Straße stellte Khan einen Detektiv, der ihn verfolgt hatte. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die Credit Suisse die Beschattung des früheren Chefs der Vermögensverwaltung angeordnet hatte, nachdem dieser zum Konkurrenten UBS gewechselt war. Nach einer internen Untersuchung machte das Institut den Thiam-Vertrauten und operativen Chef Pierre-Oliver Bouee für die Maßnahme verantwortlich. Thiam selbst habe von alldem nichts gewusst.

Doch nach einem zweiten, ähnlichen Fall wurden Zweifel an dieser Aussage und an dem von Thiam und einigen Weggefährten geprägten Führungsstil laut. Laut der Mitteilung erklärte der Ivorer, er bedaure die Überwachung. “Ich hatte keinerlei Kenntnisse von der Beschattung zweier ehemaliger Kollegen. Zweifellos hat dies der Credit Suisse geschadet und zu Verunsicherung und Leid geführt.” Thiam war 2015 von Rohner vom britischen Versicherer Prudential geholt worden.

SCHLAGEN GROßAKTIONÄRE ZURÜCK?

Als sich abzeichnete, dass Rohner an einer Nachfolge für Thiam arbeitete, begannen mehrere Großaktionäre öffentlich gegen ihn zu schießen. Doch der Präsident konnte andere bedeutende Eigner hinter sich scharen, wie er in dem Interview sagte. “Urs Rohner hat den Verwaltungsrat während dieser turbulenten Zeit in anerkennenswerter Weise geführt”, erklärte sein Stellvertreter Severin Schwan, der Chef des Pharmakonzerns Roche. “Alle Schritte des Verwaltungsrates erfolgten einstimmig und nach sorgfältigen Beratungen.”

Ob die kritischen Aktionäre ihre Drohungen wahr machen und doch noch gegen Rohner und den Verwaltungsrat vorgehen, war zunächst unklar. Eine nächste Gelegenheit böte die Generalversammlung am 30. April. Die Credit-Suisse-Aktie gab leicht nach, weil Thiam-Anhänger die Titel abstießen.

“KULTUR DER ANGST UND DES MISSTRAUENS”

Selbst Thiams Kritiker räumen ein, dass der frühere Versicherungsmanager die Bank krisenfester gemacht hat. Er dampfte das riskante Handelsgeschäft ein und investierte in den Ausbau des wesentlich stabileren Geschäfts mit reichen Privatkunden, vor allem in Schwellenländern. Der charismatische Absolvent einer französischen Eliteschule polsterte die Bilanz mit zwei milliardenschweren Kapitalerhöhungen auf und stutzte die Kosten massiv. Dennoch bleiben dunkle Flecken auf seiner Bilanz: So halbierte sich der Aktienkurs in Thiams Amtszeit. Wenige Geldhäuser entwickelten sich noch schlechter, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank.

Zudem machte sich an der Spitze des Unternehmens eine “Kultur der Angst und des Misstrauens” breit, wie ein Insider sagte. Gottstein räumte ein, dass die Affäre die Belegschaft in Mitleidenschaft zog. “Es gab sicherlich ein gewisses Gefühl der Unsicherheit”. Nun will der 55-jährige die Bank auf einen Wachstumskurs führen und vor allem in Schwellenländern wachsen. Der ehemalige Spitzengolfer arbeitet seit 1999 für die Bank und bekleidete Führungspositionen in mehreren Schlüsselbereichen. So war er jahrelang einer der führenden Dealmaker der Schweiz und fädelte etwa den 20 Milliarden Dollar schweren Verkauf des Medizintechnik-Konzerns Synthes ein. Später betreute er reiche Privatkunden und übernahm 2015 die Leitung des Inlandsgeschäfts. Gottstein sieht sich selbst nicht als Übergangs-CEO. “Ich schaue nicht auf die Uhr”, sagte der gegenwärtige Schweiz-Chef der Bank.

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