June 20, 2018 / 11:59 AM / a month ago

Nestle sucht den Kaffee-Kick in den USA - Zukäufe möglich

Orbe/Zürich (Reuters) - Nestle will seine weltweit führende Position im Kaffeegeschäft ausbauen und erwägt dafür weitere Zukäufe.

A view of the Nestle Development Center in Solon, Ohio, U.S., April 24, 2018. Picture taken April 24, 2018. REUTERS/Aaron Josefczyk

“Wenn sich passende Gelegenheiten bieten, haben wir in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir zugreifen”, sagte Nestle-Manager Carsten Fredholm, der für die gruppenweite Strategie von Nescafe zuständig ist, der Nachrichtenagentur Reuters. Im Visier hat der Nahrungsmittelkonzern vor allem den größten Kaffeemarkt USA.

Das Geschäft rund um das koffeinhaltige Getränk spielt für Nestle eine wichtige Rolle. Schließlich hat Konzern-Chef Mark Schneider den Bereich mit Marken wie Nescafe und Nespresso neben Tiernahrung, Wasser und Babynahrung zu einem von vier Geschäftsfeldern auserkoren, die dafür sorgen sollen, dass Nestle bis 2020 wieder auf Wachstumsraten von rund fünf Prozent kommt - nach zuletzt 2,8 Prozent.

Die jüngsten Zukäufe untermauern die Strategie von Schneider. Für gut sieben Milliarden Dollar wollen die Schweizer das Einzelhandelsgeschäft von Starbucks übernehmen. Es ist der dritte Zukauf im Kaffeegeschäft in den USA innerhalb kurzer Zeit: Seit Herbst vergangenen Jahres hat Nestle dort auch die Premiumkaffee-Kette Blue Bottle und den Spezialanbieter Chameleon gekauft. Mit den Zukäufen wollen die Schweizer vom rasch wachsenden und gewinnträchtigen Kaffeegeschäft außer Haus profitieren und sich die neuesten Trends wie kalt zubereiteten Kaffee (Cold Brew) zueigen machen.

An Zukaufsmöglichkeiten im Kaffeegeschäft mangelt es nicht. Experte Andrew Hetzel erwartet weitere Übernahmen in der Branche: Große Konzerne wie Nestle oder die JAB Holding der deutschen Milliardärsfamilie Reimann (Jacobs, Senseo und Tassimo) seien auf der Suche nach kleinen Anbietern, die schneller auf die rasch wechselnden Konsumgewohnheiten reagieren könnten. “Die Herausforderung für große Kaffeefirmen besteht darin, dass sie für die Konsumenten relevant bleiben”, sagte Hetzel, der seit knapp zwei Jahrzehnten als Berater in der Branche tätig ist. Für Nestle sei das mit ein Grund für die Übernahme der Anfang der 2000er-Jahre gegründeten Kaffeekette Blue Bottle gewesen, neben den eigenen Läden auch über das Internet Kaffee verkauft, sagte Nestle-Manager Donald Howat, der unter anderem für Nescafe Gold zuständig ist. Neben Einblick in neue Trends gewinne der Konzern dadurch auch mehr Gewicht am US-Markt. “Es gibt Pläne, die Marke Blue Bottle auszubauen. Es geht sehr um Wachstum”, sagte er.

Das Kaffeegeschäft außer Haus wächst weltweit stark - angetrieben durch die steigende Popularität von kleinen Spezialkaffeeläden, die nicht bloß normalen Kaffee verkaufen, sondern Cappuccinos und Lattes in verschiedenen Geschmacksrichtungen nach den Wünschen der Kunden. Unterwegs sind die Konsumenten auch bereit, für ihren Kaffee deutlich mehr Geld auszugeben, als in den eigenen vier Wänden. Die steigende Popularität kleiner unabhängiger Läden bekommt auch Starbucks zu spüren: Weil der Konzern durch die zunehmende Konkurrenz langsamer wächst, will er im kommenden Geschäftsjahr 150 Niederlassungen in den USA schließen.

INNOVATIONEN SOLLEN WACHSTUM VON NESCAFE ANTREIBEN

Nestle ist nach Daten des Forschungsinstituts Euromonitor mit einem Marktanteil von knapp 23 Prozent der größte Kaffeeanbieter der Welt. Doch einige Konkurrenten haben den Abstand durch diverse Übernahmen und Zusammenschlüsse verkleinert. Um den Vorsprung zu halten, will Nestle die Konzernmarke Nescafe ausbauen. Sie trägt mit Erlösen von zwölf Milliarden Franken mehr als ein Zehntel zum gesamten Jahresumsatz bei. Mit dem Kapselkaffee Nespresso setzt der Konzern pro Jahr über fünf Milliarden Franken um, während das Starbucks-Einzelhandelsgeschäft auf einen Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Franken kommt.

Um den Absatz anzukurbeln, will der Konzern bei der 80 Jahre alten Marke Neues ausprobieren, sagte Fredholm. “Man muss experimentierfreudig sein und sollte keine Angst davor haben, zu scheitern”, sagte er. In Großbritannien etwa versucht Nestle den Kunden Nescafe unter der Premiummarke Azera Nitro schmackhaft zu machen, der kalt gezapft wird und eine kleine Schaumkrone hat - ähnlich wie Guinness-Bier.

Der Name Nescafe steht in vielen Regionen vor allem für Löskaffee. Unter Nescafe Dolce Gusto vertreibt Nestle jedoch auch Kaffeemaschinen und Kapselkaffee. Um die Marke außer Haus bekannter zu machen, müsse Nestle nicht notwendigerweise eine eigene Ladenkette besitzen, sagte Fredholm. Der Konzern könne beispielsweise auch mit anderen Anbietern zusammenarbeiten und sicherstellen, dass die eigene Marke sichtbar sei - ähnlich wie Coca Cola das mache.

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