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Weltnachrichten

Mutmaßlicher Attentäter von Wien vorzeitig aus Haft entlassen

Wien (Reuters) - Nur knapp ein Jahr vor dem Anschlag in Wien ist der mutmaßliche Attentäter vorzeitig aus einer Haftstrafe entlassen worden, zu der er wegen islamistischer Umtriebe verurteilt wurde.

Police officers check a man on a street after exchanges of gunfire in Vienna, Austria November 2, 2020. REUTERS/Lisi Niesner

“Es kam zu einer vorzeitigen Entlassung eines Radikalisierten”, räumte Österreichs Innenminister Karl Nehammer am Dienstag in Wien ein. Der 20-Jährige habe sich sichtlich bemüht, die Behörden zu täuschen. Der gebürtige Österreicher mit doppelter Staatsbürgerschaft für Nordmazedonien tötete nach Angaben der Behörden am Montagabend in Wien vier Menschen. Neun Minuten nach dem ersten Alarmruf wurde er von einer Spezialeinheit erschossen. “Es war ein Anschlag aus Hass”, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz. Hinweise auf weitere Täter gab es laut den Behörden zunächst nicht.

Der Anschlag war laut Kurz eindeutig islamistisch motiviert. 22 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Es gebe klare Hinweise auf die Nähe des getöteten mutmaßlichen Attentäters zur Miliz “Islamischer Staat” (IS), sagte Nehammer. Der Mann habe noch vor dem Anschlag bei Facebook ein Posting veröffentlicht, bei dem er sich mit seiner Kalaschnikow präsentiert und sinngemäß geschrieben habe, er diene dem Sultanat. Er sei wegen “versuchter Dschihad-Ausreise” und versuchten Anschlusses an den IS rechtskräftig zu 22 Monaten Haft verurteilt, aber nach wenigen Monaten vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden. Es habe zudem ein Verfahren zur Aberkennung seiner österreichischen Staatsbürgerschaft gegeben, das erfolglos geblieben sei. Laut österreichischer Nachrichtenagentur APA kam der Mann im Dezember 2019 frei. Als junger Erwachsener sei er unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes gefallen.

14 FESTNAHMEN AUS DEM UMFELD DES ATTENTÄTERS

“Es gab 18 Hausdurchsuchungen in Wien und Niederösterreich, und 14 Personen wurden vorläufig festgenommen”, sagte Nehammer. Hinweise auf einen zweiten Täter gebe es aktuell nicht. Er bezog sich dabei auf zahlreiche aus der Bevölkerung übermittelte Handyvideos, die von der Polizei ausgewertet würden. Der Täter sei mit einer verkürzten Kalaschnikow, einem Sturmgewehr, einer Faustfeuerwaffe und einer Machete bewaffnet gewesen. Seine Sprengstoffweste habe sich als Attrappe erwiesen.

Bei der Tat am Montagabend seien “vier Menschen aus nächster Nähe kaltblütig von einem Attentäter getötet” worden, sagte Kanzler Kurz. Zunächst hieß es von den Behörden, dass es bei den Schüssen an sechs Tatorten in der Wiener Innenstadt wohl mehrere Attentäter gegeben habe. Bei den Getöteten handelte es sich laut Kurz um einen älteren Mann, eine ältere Frau, einen jungen Passanten und eine Kellnerin. Ein Polizist, der sich dem Täter in den Weg gestellt habe, sei angeschossen und verletzt worden.

KANZLER KURZ - “DEM HASS KEINEN RAUM GEBEN”

Kurz kündigte an, dem Terrorismus mit allen Mitteln entgegenzutreten. Täter, Hintermänner und Gleichgesinnte werde man “ausforschen, jagen und ihrer gerechten Strafe zuführen”. Gleichzeitig rief er dazu auf, die von Islamisten angestrebte Spaltung der Gesellschaft nicht zuzulassen: “Wir werden diesem Hass keinen Raum geben.” Der Feind sei der islamische Extremismus, nicht alle Angehörigen einer ganzen Religion. Es gehe nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten. Es gehe um einen Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. “Und diesen Kampf werden wir mit aller Entschiedenheit führen.” Nehammer wies darauf hin, den angeschossenen Polizisten hätten zwei Österreicher mit Migrationshintergrund in Sicherheit gebracht.

Wien erlebte erstmals seit vielen Jahrzehnten einen solchen Anschlag. Er traf die österreichische Hauptstadt am Vorabend verschärfter Corona-Einschränkungen. Viele Menschen hatten den Abend genutzt, um in der Innenstadt noch einmal auszugehen.

INTERNATIONALE ANTEILNAHME

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte Unterstützung bei der Bekämpfung des Terrorismus zu. “Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf”, ließ die Regierungschefin per Twitter verbreiten. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble drang auf eine “weitere Intensivierung der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit in der Europäischen Union”. Außenminister Heiko Maas erklärte, die Reaktionen der islamischen Länder auf die Anschläge in Wien und Nizza würden aufmerksam beobachtet. Zur Deeskalation müssten alle beitragen. “Ich bin besorgt, dass dies erst der Anfang einer neuen Welle sein könnte”, sagte Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Maier ist auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz von Bund und Ländern in Deutschland.

Auch in Russland, Israel, Großbritannien und Frankreich wurde der Anschlag verurteilt. Russlands Präsident Wladimir Putin sprach von einem “grausamen und zynischen Verbrechen”. Israels Präsident Reuven Rivlin erklärte, sein Land verfolge “die verabscheuungswürdige Terrorattacke” mit Sorge. Der britische Premierminister Boris Johnson schrieb, man stehe geeint mit Österreich gegen den Terror. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte bereits am Montag erklärt, die Franzosen teilten den Schock und die Trauer nach dem Angriff in Wien.

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