March 11, 2010 / 3:06 PM / 10 years ago

Missbrauchsfälle in Österreich weiten sich aus

Wien/Berlin (Reuters) - Ähnlich wie in Deutschland werden in Österreich immer mehr Fälle von Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche bekannt.

Ehemalige Internatsschüler des oberösterreichischen Stiftes Kremsmünster warfen drei geistlichen Erziehern am Donnerstag sexuelle Übergriffe, Demütigungen und körperliche Gewalt vor. Das Kloster enthob die drei Pater ihrer Ämter. Die Vorfälle gehen auf die 1980er Jahre zurück. In Deutschland kündigte unterdessen das Justizministerium an, man wolle eine Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfrist von Missbrauchsfällen noch vor der Sommerpause auf den Weg bringen.

In ganz Österreich verzeichnen die Ombudsstellen der Diözesen starken Andrang von Menschen, die über Missbrauch berichten. Zöglinge des Internats der Benediktiner in Kremsmünster beschrieben in den “Oberösterreichischen Nachrichten” erniedrigende Erziehungsmethoden. Wer im Speisesaal zu laut gewesen sei, habe neben einem Geistlichen niederknien müssen. Dieser habe dann den Kopf des Kindes fest in seinen Schoß gedrückt und ihm mit der anderen Hand eine heftige Ohrfeige verpasst, sagten sie.

Zwei Mönche hätten regelmäßig Schüler mit einem Kabel oder einem Schlüsselbund verprügelt. Ein Mann sagte dem Österreichischen Rundfunk (ORF), er erinnere sich an einen Geistlichen, der einem Schüler “geholfen hat, sich an den richtigen Stellen zu waschen.”

Der langjährige Prior des bayerischen Kloster Andechs, Anselm Bilgri, rät der katholischen Kirche, zu einem klaren Umgang mit den Vorwürfen und einer offenen Auseinandersetzung mit Sexualität. Der Priester und ehemalige Benediktinermönch wandte sich zudem gegen die Aussage des Augsburger Bischofs Walter Mixa. Dieser hatte behauptet, die Missbrauchsfälle seien eine Folge der sexuellen Revolution. “Ich halte das für einen Fehlschluss”, sagte Bilgri der Online-Ausgabe der “Süddeutschen Zeitung”.

Die Ombudsstelle der Diözese in Salzburg kündigte an, ihre Kapazitäten wegen der steigenden Anfragen zu erweitern, um jeden Verdachtsfall prüfen zu können. Anfang der Woche war der Erzabt des Salzburger Klosters St. Peter zurückgetreten, nachdem er einen 40 Jahre zurückliegenden sexuellen Missbrauch an einem Zwölfjährigen zugegeben hatte. Auch aus der Steiermark und Vorarlberg meldeten sich Betroffene, die nach Jahrzehnten ihr Schweigen brachen und geistlichen Erziehern sexuelle Übergriffe vorwarfen. In den Medien tauchten bislang mehr als zwei Dutzend Verdachtsfälle auf. Der steirische Pfarrer gab den Missbrauch zu und sagte, er habe sich bei den Opfern entschuldigt.

VORWURF AN GEISTLICHEN: “EIN DRITTEL DER KLASSE MISSBRAUCHT”

Ein früherer Schüler eines Gymnasiums im Vorarlberger Kloster Mehrerau sagte dem ORF-Radio, ein Drittel seiner Klassenkollegen sei in den 1960er Jahren von einem Pater missbraucht worden. Der Geistliche sei zuvor wegen eines sexuellen Übergriffs aus Deutschland nach Österreich versetzt worden. Die Opfer und deren Mitschüler seien vom Abt zum Stillschweigen verdonnert worden. “Er hat uns befohlen, darüber den Eltern ja kein Wort zu sagen”, erinnerte sich der Mann.

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn sprach sich in einem Kirchenmagazin dafür aus, “die Opfer vor die Täter zu stellen und Schuld beim Namen zu nennen”. Es sei notwendig, nach den Ursachen des sexuellen Missbrauchs zu fragen. “Wir stehen beschämt und besudelt da”, sagte er. Schönborn ist der Nachfolger des früheren Wiener Erzbischofs Kardinal Hans Hermann Groer, der 1995 im Mittelpunkt eines Missbrauchsskandals gestanden hatte. Groer hatte zu den schweren Vorwürfen gegen ihn geschwiegen und war abgelöst worden.

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