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Wirtschaftsnachrichten

Erdogan richtet Geld- und Finanzpolitik personell neu aus

A merchant counts Turkish lira banknotes at the Grand Bazaar in Istanbul, Turkey, March 29, 2019. REUTERS/Murad Sezer

Ankara (Reuters) - Inmitten der Währungskrise richtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Finanz- und Geldpolitik personell neu aus.

Der neue Notenbankchef Naci Agbal (52) kündigte am Montag an, er werde “entschlossen” alle Mittel einsetzen, um das Hauptziel Preisstabilität zu erreichen. Die Lira stoppt daraufhin am Montag vorerst ihre Talfahrt. Manche Experten setzen darauf, dass Agbal die Zinsen kräftig anheben wird. Andere geben zu bedenken, dass er ein treuer Verbündeter Erdogans sei, der wiederum ein erklärter Zinsgegner ist. “Es liegt der Verdacht nahe, dass der türkische Präsident nun einen noch direkteren Zugriff auf die Geldpolitik haben möchte. Der Lira kann das nur noch mehr schaden”, warnte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann.

Agbals Vorgänger Murat Uysal war am Samstag von Erdogan per Dekret entlassen worden. Nur einen Tag später erklärte überraschend Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn Erdogans, seinen Rücktritt - per Instagram. “Gerüchte besagen, weil er mit der Wahl des Uysal-Nachfolgers Agbal nicht einverstanden war”, äußerte Leuchtmann. Der Rücktritt trägt laut Ökonom Win Thin vom Bankhaus Brown Brothers Harriman dazu bei, dass sich die politischen Risiken in der Türkei über das Wochenende erhöht haben. “Es wurden zwar gesundheitliche Gründe angeführt, doch offensichtlich steckt mehr dahinter.”

WÄHRUNGSRESERVEN ABGESCHMOLZEN

Laut Insidern wird der geschasste Notenbankchef Uysal für den Niedergang der Lira mitverantwortlich gemacht, die dieses Jahr mehr als 27 Prozent abgewertet hat. Keine Währung eines Schwellenlandes ist im Coronajahr 2020 schlimmer unter die Räder gekommen. Unter Agbals Leitung hatte die Zentralbank zuletzt den Schlüsselzins bei 10,25 Prozent belassen. Analysten von Goldman Sachs und der TD Bank erwarten nun eine Erhöhung um mindestens sechs Prozentpunkte. Die nächste reguläre Zinssitzung der Notenbank steht am 19. November an. Im Regierungsapparat in Ankara sind offenbar große Hoffnungen mit der Ernennung Agbals verbunden, der früher verschiedene Regierungsposten innehatte, unter anderem im Finanzministerium. Der mit den Märkten gut vertraute Notenbankchef mit seinem engen Draht zu Erdogan könne helfen, die Wirtschaft aus der Krise zu führen. “Wir werden einen sehr starken Notenbankchef erleben”, sagte ein Insider, der anonym bleiben wollte.

Agbal steht vor einer schwierigen Aufgabe: Die Inflationsrate hat zweistellige Prozentwerte erreicht und sorgte damit für Druck auf die Lira. Auch die stark geschmolzenen Währungsreserven des Landes haben deren Talfahrt beschleunigt.

Laut Insidern hielt Agbal am Sonntag eine Lagebesprechung mit Erdogan ab, an der auch der frühere Vize-Regierungschef Nurettin Canikli und der im Stab des Präsidenten als Wirtschaftsberater tätige Servet Bayindir teilnahmen.

Ökonom Thin geht davon aus, dass der neue Notenbankchef von Erdogan die entsprechenden Freiheiten erhalten hat, “eine orthodoxe Geldpolitik” zu betreiben. Entgegen der geltenden ökonomischen Lehrmeinung hatte der türkische Präsident in der Vergangenheit mehrfach höhere Zinsen als Ursache für Inflation genannt. Eine solche Haltung würde einer geldpolitischen Straffung entgegenstehen, wie sie nun manche Experten erwarten.

Laut Commerzbank-Experte Leuchtmann ist es der türkischen Politik und Zentralbank zwar immer wieder mal gelungen, die Wechselkursentwicklung zu stabilisieren. “Doch kann das so lange nicht von Dauer sein, wie das grundlegende Problem nicht angegangen wird: die mangelnde Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.” In der Türkei hat es an der Spitze der Notenbank ein ständiges Kommen und Gehen gegeben: Agbal ist der vierte Zentralbankgouverneur binnen fünf Jahren.

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