March 20, 2019 / 3:47 PM / a month ago

Europa und Kanada wollen Boeing 737 selbst prüfen

Jakarta/Singapur/Paris (Reuters) - Für eine Starterlaubnis der mit Flugverbot weltweit belegten Unglücksmaschine Boeing 737 MAX wollen sich die Aufsichtsbehörden in Europa und Kanada nicht auf ihre US-Kollegen verlassen.

FILE PHOTO: An American Airlines Boeing 737 MAX 8 flight from Los Angeles approaches to land at Reagan National Airport shortly after an announcement was made by the FAA that the planes were being grounded by the United States over safety issues in Washington, U.S. March 13, 2019. REUTERS/Joshua Roberts/File Photo

Nach Europa kündigte in der Nacht zum Mittwoch auch die kanadische Luftfahrtaufsicht mit, die Boeing-Maschine selbst und unabhängig von der US-Behörde FAA zu zertifizieren. Sie will demnach das verdächtige Flugkontrollsystem MCAS eingehend prüfen und die FAA bei möglichen weiteren Veränderungen der 737 personell unterstützen. Am Dienstag hatte EASA-Chef Patrick Ky im Europäischen Parlament versprochen: “Wir werden dem Flugzeug nicht erlauben, abzuheben, so lange nicht all unsere Fragen akzeptabel beantwortet sind.”

Experten vermuten bei beiden Abstürzen des noch neuen Boeing-Modells kurz nach dem Start - am 10. März in Äthiopien und am 29. Oktober in Indonesien - als eine Ursache eine Fehlfunktion des MCAS. Dabei sollen Sensordaten ein Absenken der Flugzeugnase auslösen, wenn sie einen zu steilen Aufstieg erkennen, der einen Strömungsabriss auslösen könnte. Die Experten wiesen aber auch darauf hin, dass die Untersuchungen dazu nicht abgeschlossen sind und auch das Verhalten der Piloten sowie deren Training genau untersucht werden müssten.

LION-AIR-PILOTEN WÜHLTEN IM HANDBUCH

Details dazu erfuhr Reuters von Insidern, die über die Auswertung des Stimmenrekorders der im Oktober abgestürzten Lion-Air-Maschine informiert sind. Die Piloten hätten verzweifelt im Handbuch nach einer Lösung des Problems gesucht. Kurz vor dem Absturz ins Meer nahe Jakarta habe der Kapitän der Fluggesellschaft Lion Air das Steuer an den Ersten Offizier übergeben, um selbst noch einmal in der Anleitung nachzusehen. Während der 31-Jährige Kapitän vergeblich gesucht habe, habe der 41-Jährige Erste Offizier die Kontrolle über das Flugzeug verloren. “Es ist wie ein Test, bei dem es hundert Fragen gibt und wenn die Zeit abgelaufen ist, hat man nur 75 beantwortet”, sagte eine der Personen der Nachrichtenagentur Reuters, der die Aufnahmen aus dem Cockpit bekannt sind. “Also gerät man in Panik.”

Nach Aussagen der drei Insider seien die Piloten des Lion-Air-Fluges die meiste Zeit über ruhig geblieben. Der in Indien geborene Kapitän sei am Ende ganz still gewesen, der indonesische Erste Offizier rief “Allahu Akbar”. Dann prallte das Flugzeug auf das Wasser auf, 189 Menschen starben.

Einem vorläufigen Bericht zufolge, der im November veröffentlicht worden war, begannen die Probleme beim Lion-Air-Flug kurz nach dem Start. Der Kapitän steuerte das Flugzeug, als der Erste Offizier nach wenigen Minuten Flugzeit Probleme mit der Flugsteuerung meldete. Eine der Personen, die mit den Aufzeichnungen des Sprachrekorders vertraut sind, sagte, der Kapitän habe den Ersten Offizier daraufhin gebeten, im Handbuch mit Kurzanleitungen für ungewöhnliche Ereignisse nachzusehen. Dem Bericht zufolge meldete das Flugzeug einen Strömungsabriss, als Reaktion wurde die Nase heruntergedrückt. “Die Piloten scheinen nicht bemerkt zu haben, dass das Stabilisierungssystem nach unten drückt”, sagte einer der Insider. “Sie dachten nur an Fluggeschwindigkeit und Höhe. Das war das Einzige, worüber sie sprachen.”

Zum ersten Mal kommen nun Inhalte aus den Aufzeichnungen des Sprachrekorders an Bord des Lion-Air-Flugzeugs an die Öffentlichkeit. Die drei Insider kennen die Aufnahmen aus dem Cockpit und haben der Nachrichtenagentur Reuters unter Zusicherung ihrer Anonymität davon berichtet. Reuters liegen die Aufzeichnungen oder deren Transkript nicht vor.

Der im November veröffentlichte vorläufige Untersuchungsbericht enthält keine Inhalte des Sprachrekorders, da dieser erst im Januar vom Meeresboden geborgen werden konnte. Der endgültige Report könnte im Juli oder August vorliegen. Ein Lion-Air-Sprecher verwies darauf, dass alle Unterlagen und Informationen den Behörden übergeben worden seien und lehnte eine Stellungnahme darüber hinaus ab. Boeing wollte ebenfalls keinen Kommentar abgeben.

Nach den Abstürzen der zwei Boeing 737 MAX mit insgesamt 346 Toten ist das Stabilisierungssystems MCAS im Visier. Das MCAS soll bei zu steilem Flugwinkel einen Strömungsabriss verhindern, indem es automatisch die Nase der Maschine absenkt. Boeing empfahl seinen Kunden, die rund 350 betriebenen Maschinen vorerst am Boden zu lassen. Zuvor hatten nationale Behörden weltweit Startverbote für das Flugzeugmodell verhängt, das erst seit 2017 am Markt ist. Die Auslieferungen der 737 MAX wurden gestoppt. Die EU und Kanada kündigten an, die Jets erst wieder abheben zu lassen, nachdem sie sich selbst von der Sicherheit überzeugt haben.

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