November 20, 2018 / 7:08 AM / in a month

Ifo - Defizit in US-Leistungsbilanz steigt trotz Trumps Zöllen

FILE PHOTO: A container ship is seen docked at the port of New York and New Jersey in Bayonne, New Jersey, U.S., September 23, 2018. REUTERS/Mike Segar/File Photo/File Photo

Berlin (Reuters) - Das US-Defizit in der Leistungsbilanz wird nach einer Prognose des Ifo-Instituts trotz der von Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle steigen.

Es wird in diesem Jahr voraussichtlich 464 Milliarden Dollar betragen und damit 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechen, wie aus Berechnungen der Münchner Forscher auf Basis der jetzt erst weltweit verfügbaren Halbjahreszahlen hervorgeht, die der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag vorlagen. 2017 waren es 449 Milliarden Dollar. In die Leistungsbilanz fließt der gesamte Waren- und Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland, aber auch Entwicklungshilfe und im Ausland erzielte Vermögen.

“Die Trump-Administration ist geradezu besessen davon, ihre bilateralen Handelsbilanzen ausgleichen zu wollen”, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Joachim Lang. Doch die Ifo-Prognose zeige, dass protektionistische Maßnahmen nicht zum gewünschten Erfolg führten. “Protektionismus schafft langfristig keine erfolgreiche Exportwirtschaft. Dazu braucht es Unternehmen, die mit innovativen Produkte international wettbewerbsfähig sind.”

Grund für den erwarteten Defizitanstieg ist der Handel mit Gütern wie Autos und Maschinen: In diesem Jahr werden die Vereinigten Staaten Waren im Wert von 857 Milliarden Dollar mehr importieren als exportieren, sagen die Ifo-Experten voraus. Genau daran stört sich Trump, der deshalb Strafzölle gegen China, aber auch gegen die EU und andere Länder erhoben hat. Er droht zudem mit weiteren Maßnahmen, etwa gegen die europäische Autoindustrie.

Anders als mit Waren erzielen die USA hohe Überschüsse mit Dienstleistungen - vor allem wegen der starken Finanz- und Softwarebranche. Diese dürften sich auf 259 Milliarden Dollar summieren. Ähnlich hoch fallen die Erträge aus Auslandsvermögen mit 252 Milliarden Dollar aus. Dahinter verbergen sich die Gewinne von US-Tochtergesellschaften, die sie beispielsweise in Europa erzielen und dann nach Hause transferieren.

“Auffällig ist, dass die USA hohe Erträge aus Investitionen in der EU beziehen, insbesondere aus den Niederlanden und aus Irland”, sagte Ifo-Experte Christian Grimme zu Reuters. Dort haben viele US-Unternehmen ihre Europa-Zentralen. Deshalb wies die US-Leistungsbilanz gegenüber der Europäischen Union im ersten Halbjahr einen Überschuss von sieben Milliarden Dollar aus. Auch im Gesamtjahr dürften die Vereinigten Staaten hier ein Plus erzielen. “Ich sehe nicht, warum sich der Trend im zweiten Halbjahr umkehren sollte”, so Grimme.

Trump kritisiert neben China vor allem Deutschland, das Überschüsse im Handel mit den USA aufweist. Das Bundeswirtschaftsministerium fordert, bei dieser Diskussion das ganze Bild in den Blick zu nehmen. “Zum einen muss die Leistungsbilanz insgesamt betrachtet werden und nicht nur einzelne Komponenten wie die Bilanz im Warenhandel”, sagte ein Sprecher. “Zum anderen kann der deutsche Leistungsbilanzüberschuss nicht isoliert gegenüber den USA betrachtet werden, denn Deutschland ist Mitglied des europäischen Wirtschafts- und Währungsraums.” Leitzinsen, Handelspolitik und andere Faktoren würden auf europäischer Ebene festgelegt. “Sonst könnte man - bei einer ebenso isolierten Betrachtung - den Leistungsbilanzsaldo Kaliforniens mit dem der EU betrachten”, ergänzte der Sprecher.

Ein besonders hohes Leistungsbilanzdefizit hätten die USA gegenüber China, sagte Ifo-Experte Grimme. Allein im ersten Halbjahr 2018 lag es bei 176 Milliarden Dollar. Auch gegenüber Mexiko (45 Milliarden Dollar) und Japan (40) fiel das Defizit in den ersten sechs Monaten sehr hoch aus.

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