September 3, 2013 / 7:00 AM / 5 years ago

Microsoft übernimmt Handygeschäft von Nokia

Helsinki (Reuters) - Microsoft treibt seinen Konzernumbau voran und kauft für 5,4 Milliarden Euro das Handygeschäft des einstigen Weltmarktführers Nokia.

Men are silhouetted against a video screen with a Nokia logo as he poses with Nokia Lumia 820 and Samsung S4 smartphones in this photo illustration taken in the central Bosnian town of Zenica, August 14, 2013. REUTERS/Dado Ruvic (BOSNIA AND HERZEGOVINA - Tags: BUSINESS TELECOMS) - RTX12L6U

Keine zwei Wochen nach der überraschenden Rücktrittsankündigung von Konzernchef Steve Ballmer sorgt der US-Softwareriese damit erneut für einen Paukenschlag. Nokia-Chef Stephen Elop - der als heißer Kandidat für die Ballmer-Nachfolge gilt - werde voraussichtlich nach dem Abschluss der Übernahme im ersten Quartal 2014 zusammen mit vier Spitzenmanagern und 32.000 Mitarbeitern zu Microsoft wechseln, teilte Nokia am Dienstag mit. Dort soll er die erweiterte Gerätesparte führen.

Die beiden Unternehmen kooperieren bereits seit zwei Jahren eng miteinander. Der finnische Handy-Pionier hat den Wandel hin zu den boomenden Smartphones verpasst und ist immer weiter hinter die neuen Platzhirsche Samsung und Apple zurückgefallen. Auch das Bündnis mit Microsoft brachte keine Wende.

“Es ist ein kühner Schritt in die Zukunft - ein Gewinn für die Mitarbeiter, die Aktionäre und die Kunden beider Unternehmen” erklärte Ballmer. Microsoft stärke seine Handy-Aktivitäten erheblich. Die Wettbewerbsbehörden müssen aber noch zustimmen. Der Konzern leidet ebenfalls unter der starken Smartphone- und Tablet-Konkurrenz und steht deswegen vor einem Umbau. Erst kürzlich hatte Vorstandschef Ballmer seinen Rückzug für die nächsten zwölf Monate angekündigt, um Platz für einen langfristige Neuausrichtung zu machen. In seiner 13-jährigen Amtszeit geriet der einst unangefochtene Branchenprimus in eine schwere Krise. Konkurrenten wie der iPhone- und iPad-Hersteller Apple setzten dem Konzern mit neuen Geräten zu, alternative Betriebssysteme wie Googles Android machten sich auf Smartphones und Tablet-PCs breit. Deren Triumphzug konnte Microsoft ebenso wie Nokia bislang wenig entgegensetzen.

SCHWERER STAND

Denn während Microsoft früher zusammen mit dem Chipriesen Intel die Computerwelt beherrschte, tut sich der Windows- und Office-Hersteller mit dem Übergang in das Zeitalter von Tablet-Computern und Smartphones schwer. Nun schlägt Microsoft offenbar einen ähnlichen Weg wie der Internetriese Google ein, der den kriselnden Handybauer Motorola übernahm, um mit der Konkurrenz Schritt zu halten. Nokia kam dabei zuletzt immer stärker ins Stolpern und häufte Verluste an. Die mit viel Werbung gestarteten neuen Lumia-Smartphones mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone kamen bei der Kundschaft nicht so gut an wie erhofft. Gleichzeitig brach die bisherige Stütze des Geschäfts - der Verkauf von günstigen Handys - ein.

Nokia ist dem Marktforscher Gartner zufolge nach Samsung der zweitgrößte Handyhersteller der Welt mit einem Marktanteil von 14 Prozent. Allerdings spielen sie im Geschäft mit den immer wichtigeren Smartphones praktisch keine Rolle. Selbst die chinesische ZTE verkauft weltweit mehr internetfähige Mobiltelefone als das Unternehmen aus Espoo bei Helsinki. Microsofts Erfolg bei Betriebssystemen für Handys geht mit der Entwicklung Nokias einher. Gartner zufolge lief zuletzt gerade einmal auf 3,3 Prozent aller neuverkauften Smartphone der Windows-Ableger. Gartner zufolge beläuft sich der Marktanteil der Google-Software Android indes auf 79 Prozent.

AN DER BÖRSE HUI, BEI DER KUNDSCHAFT PFUI

Unter Börsianern sorgte der Schachzug des scheidenden Ballmer für gute Stimmung. “Das ist ein gewaltiges, aber notwendiges Wagnis für Microsoft. Nach Jahren der Fehlschläge mit Windows Mobile schwenkt der Konzern jetzt um und übernimmt die Kontrolle über die Software und die Hardware”, sagte Analyst Geoff Blaber von CCS Insight. “Falls es Zweifel gab, dass ein neuer Microsoft-Chef die Strategie von Geräten und Diensten zurücknehmen könnte, sind die nun zerstreut. Diese Aktion wird das Geschäft von Microsoft dauerhaft verändern.” Am Aktienmarkt profitierten vor allem die Titel der Finnen. Die Nokia-Papiere kletterten im Frankfurter Handel um ein Fünftel, während die Microsoft-Anteil fast unverändert in den Parketthandel gingen.

Bei den Stammkunden von Microsoft dürfte der Coup nicht gut ankommen. Computerhersteller wie Acer störten sich zuletzt daran, dass der US-Softwarekonzern mit eigenen Tablets wie dem “Surface” im angestammten Geschäft der Hardware-Ausrüster wildert, die traditionell große Mengen an Windows-Lizenzen für ihre Rechner kauften. “Microsoft sollte mit seinen strategischen Partnern zusammenarbeiten, nicht gegen sie”, zürnte Acers Europachef Oliver Ahrens jüngst im Reuters-Gespräch.

Für die finnische Wirtschaft ist der Verkauf ein herber Prestigeverlust. Vom einstigen Vorzeigekonzern bleibt nurmehr das schwankungsanfällige Geschäft mit Netztechnik und die kleine Navigationssparte HERE. Als Netzausrüster arbeitete Nokia sechs Jahre lang mit mäßigem Erfolg mit Siemens zusammen. Die Hälfte der Münchner an der gemeinsamen Tochter NSN übernahmen die Finnen erst kürzlich. Das verbleibende Rumpfgeschäft leite Verwaltungsratschef Risto Siilasmaa, bis ein neuer CEO gefunden sei, hieß es. Als Kandidaten gelten bereits der amtierende NSN-Chef Rajevv Suri und der frühere SAP-Co-Chef Jim Hageman Snabe.

In der schnelllebigen Handybranche führen immer leistungsstärkeren Geräte und Netze sowie der harte Konkurrenzkampf seit längerem zu größeren Umwälzungen. So erwägt auch der kanadische Smartphone-Pionier Blackberry, der ebenfalls ins Hintertreffen geraten ist, sich zum Verkauf zu stellen. Erst am Montag hatte der US-Telekomgigant Verizon die britische Vodafone für umgerechnet rund 100 Milliarden Euro aus dem Mobilfunk-Joint-Venture Verizon Wireless herausgekauft. Der Londoner Rivale der Deutschen Telekom will das Geld teilweise zum Ausbau seines Europa-Geschäftes nutzen und Kabel Deutschland für elf Milliarden Euro kaufen.

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