for-phone-onlyfor-tablet-portrait-upfor-tablet-landscape-upfor-desktop-upfor-wide-desktop-up
Weltnachrichten

"Wählt! Wählt! Wählt!" - Trump und Biden ringen um jede Stimme

Washington/Berlin (Reuters) - Zum Auftakt der US-Präsidentenwahl haben Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden noch einmal mit Nachdruck versucht, ihre Wähler zu mobilisieren.

A voter takes a "I voted today" badge at the Kentucky Exposition Center during the election in Louisville, Kentucky, U.S. November 3, 2020. REUTERS/Bryan Woolston

“VOTE! VOTE! VOTE!” (“Wählt! Wählt! Wählt!”), twitterte der Republikaner Trump am Dienstag in Großbuchstaben. Gleich mehrere Tweets setzte sein demokratischer Rivale in den Morgenstunden ab. Dabei rief er dazu auf, “für einen neuen Tag in Amerika” zu stimmen. “Wir können unser Land zurückholen.” Er und Kamala Harris, seine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, könnten die “Seele dieser Nation” heilen. “Ich verspreche - wir werden euch nicht im Stich lassen.”

Nach einer monatelangen Wahlschlacht öffneten in mehreren Staaten die ersten Wahllokale. Die Wahl steht ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Ihr Ausgang gilt als offen, wenn auch mit leichten Vorteilen für Biden. Es ist eine Wahl, wie es sie so in der Geschichte der USA noch nicht gegeben hat. Bereits jetzt zeichnet sich eine Rekordbeteiligung ab. Fast 100 Millionen Amerikaner - oder knapp drei Viertel aller Wähler, die 2016 teilnahmen - haben schon gewählt. Nicht zuletzt um sich vor einer Virus-Ansteckung in den Warteschlangen vor den Wahllokalen zu schützen, nutzten sie die Möglichkeit, im Vorfeld ihren Stimmzettel abzugeben oder per Post einzusenden.

Millionen weitere Wähler werden im Laufe des Tages von New York an der Ostküste bis San Francisco im Westen mit Mund-Nasen-Schutz in den Wahllokalen erscheinen. Nicht wenige von ihnen werden an Geschäften, Banken und Supermärkten vorbeikommen, deren Schaufenster verbarrikadiert wurden. In einem Land, in dem Wahlen in der Regel friedlich verlaufen, befürchten viele, dass es diesmal wegen der aufgeheizten Stimmung zu Vandalismus kommt.

Für Unfrieden sorgen nicht nur das Virus - bislang starben in den USA über 231.000 Menschen, die positiv getestet wurden - sowie die damit einhergehende Wirtschaftskrise, in der Millionen Amerikaner ihren Job verloren. Auch die landesweiten Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt, ausgelöst durch den Tod des Schwarzen George Floyd bei einem Polizeieinsatz im Mai und verstärkt durch weitere ähnliche Vorfälle, haben das Land tief erschüttert. Am Rande mehrerer Demonstration kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Ausschreitungen und Zusammenstößen zwischen Anhängern der Black-Lives-Matter-Bewegung und rechtsradikalen bewaffneten Bürgerwehren.

TIEF GESPALTEN

Durch das Land zieht sich ein tiefer Graben zwischen Trump- und Biden-Anhängern. Der 77-jährige Herausforderer wirft Trump vor allem Versagen bei der Bekämpfung der Pandemie vor. Umfragen zeigen, dass die Amerikaner Biden in der Frage ein besseres Krisenmanagement zutrauen. Trump entgegnet, das Virus werde bald verschwinden und die Wirtschaft sich rasch erholen. Auch verspricht er, dass es bald einen Impfstoff geben werde. Ähnlich wie schon 2016 empfiehlt er sich als Garant für Wohlstand, Recht und Ordnung. Er wettert gegen illegale Einwanderung und warnt vor einem Linksruck unter Biden.

Der Demokrat führt in nationalen Umfragen, doch in mehreren Bundesstaaten bahnt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. Der Ausgang ist deswegen ungewiss, denn bei der Präsidentenwahl entscheidet nicht die Mehrheit der landesweit insgesamt abgegebenen Stimmen über den Sieger, sondern das Wahlkollegium. Dieses setzt sich aus sogenannten Wahlleuten zusammen, die jeder Bundesstaat abhängig von seiner Bevölkerungszahl stellt. In der Regel werden alle Wahlleute eines Bundesstaats dem Kandidaten zugeteilt, der in diesem Bundesstaat am besten abschneidet. 270 sind für einen Sieg nötig. So kann es kommen, dass der erfolgreiche Kandidat zwar landesweit nicht die meisten Stimmen erhalten hat, wohl aber die meisten Wahlleute. Zuletzt war dies 2016 der Fall, als Trump Hillary Clinton besiegte, obwohl er drei Millionen Wählerstimmen weniger als seine Rivalin bekam.

Zum Abschluss des Wahlkampfs konzentrierten sich beide Kandidaten darum ganz auf die sogenannten Swing States, in denen Wähler ihr Kreuzchen mal überwiegend bei den Republikanern, dann wieder bei den Demokraten setzen. Im Fokus stehen unter anderem Pennsylvania, Michigan und Wisconsin - traditionelle Hochburgen der Demokraten, die Trump 2016 knapp eroberte und die ihm seinen Sieg sicherten. Wenn Biden diese drei Staaten zurückholt und gleichzeitig in allen Staaten gewinnt, die auch für Clinton stimmten, dürfte das für den Einzug ins Weiße Haus reichen.

ALLE AUGEN AUF FLORIDA

Knappe Abstimmungen werden auch in North Carolina, Arizona und Florida vorhergesagt. Gerade in Florida mit seinen vergleichsweise vielen Wahlleuten ist ein Sieg Pflicht für Trump. Verliert der 74-Jährige dort, sinken seine Chancen dramatisch. Die Ergebnisse aus Florida dürften nach Schließung der Wahllokale relativ rasch vorliegen. In dem Bundesstaat ist es erlaubt, die Briefwahl-Stimmen schon vor dem eigentlichen Wahltag auszuzählen. Anders ist das in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Dort wird mit der Auszählung erst am Wahltag selbst begonnen. Darum ist nicht ausgeschlossen, dass hier Ergebnisse erst sehr viel später vorliegen.

So lange will Trump nicht warten. Seit Wochen stellt er das US-Wahlsystem infrage. Vor allem die Briefwahl ist ihm ein Dorn im Auge. Ohne Belege zu liefern, sieht er dadurch möglichen Wahlbetrug. Umfragen zufolge machen vor allem Anhänger der Demokraten von der Briefwahl Gebrauch, während Republikaner bevorzugt klassisch am Wahltag selbst ihre Stimme abgeben. Trump hat signalisiert, dass seine Anwälte schon in Stellung sind. Fragen, ob er einen friedlichen Machtwechsel unterstützen würde, ließ er offen.

for-phone-onlyfor-tablet-portrait-upfor-tablet-landscape-upfor-desktop-upfor-wide-desktop-up