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Inlandsnachrichten

Heinsberg-Studie - Hohe Corona-Dunkelziffer in Deutschland

An employee of the German Red Cross closes a mobile test station for coronavirus disease (COVID-19) in the town of Gangelt in the North-Rhine Westphalian local district of Heinsberg, Germany, March 12, 2020, where most cases of COVID-19 were discovered and two Germans died of the coronavirus so far. REUTERS/Wolfgang Rattay

Frankfurt (Reuters) - In Deutschland könnte es eine Dunkelziffer von womöglich rund 1,8 Millionen Infizierten mit dem neuartigen Coronavirus geben.

Sie wäre damit mehr als zehn mal größer als die Gesamtzahl der offiziell gemeldeten Fälle, schließen die Wissenschaftler des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn aus den am Montag veröffentlichten endgültigen Ergebnissen der vielbeachteten Heinsberg-Studie. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck untersuchte, wie sich das Virus in der Gemeinde Gangelt ausgebreitet hat, die als Infektionsherd in dem schwer betroffenen Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen gilt. Dort kam es nach einer Karnevalssitzung zu einer in Deutschland frühen und massenhaften Ausbreitung des Erregers. Das Robert Koch Institut meldete zuletzt 163.175 Fälle in Deutschland

“Streecks Grundvermutung, dass wir eine höhere Dunkelziffer haben als die Infektionszahlen, liegt erstmals wissenschaftlich bearbeitet vor”, sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Die Studie sei ein wichtiges Dokument für die künftige Diskussion über das weitere Vorgehen in Deutschland. “Die Ergebnisse können dazu dienen, Modellrechnungen zum Ausbreitungsverhalten des Virus weiter zu verbessern – bislang ist hierzu die Datengrundlage vergleichsweise unsicher”, erklärte Gunther Hartmann, Co-Autor der Studie und Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie am Uniklinikum.

Die endgültigen Ergebnisse der Studie bestätigten, dass die Sterblichkeit in Gangelt bei 0,37 Prozent lag. Mit ihr könne auch für andere Orte abgeschätzt werden, wie viele Menschen dort insgesamt infiziert seien. Der Abgleich dieser Zahl mit der der offiziell gemeldeten Infizierten führe zur Dunkelziffer. Diese sei in Gangelt rund fünffach höher als die offiziell gemeldete Zahl der positiv getesteten Personen. Auf Basis von fast 6700 Corona-Todesfällen in Deutschland ergäbe sich so eine geschätzte Dunkelziffer von rund 1,8 Millionen Infizierten, rechnen die Forscher vor. In Gangelt hatten sich der Studie zufolge rund 15 Prozent der Einwohner bei dem Virus-Ausbruch infiziert.

Insgesamt 22 Prozent der Infizierten hätten zudem keine Symptome gezeigt. “Dass offenbar jede fünfte Infektion ohne wahrnehmbare Krankheitssymptome verläuft, legt nahe, dass man Infizierte, die das Virus ausscheiden und damit andere anstecken können, nicht sicher auf der Basis erkennbarer Krankheitserscheinungen identifizieren kann”, erklärte Martin Exner, Leiter des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit und Co-Autor der Studie. Dies bestätige die Wichtigkeit der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln.

Bei der Heinsberg-Studie wurden von den Forschern 919 Studienteilnehmer aus 405 Haushalten in Gangelt befragt und getestet. Andere Wissenschaftler hatten an den Anfang April veröffentlichten vorläufigen Ergebnissen der Untersuchung Kritik geäußert, etwa an deren Präsentation und den getroffenen Schlussfolgerungen. Streeck hatte damals gesagt, dass erste Ergebnisse der Untersuchung darauf hinwiesen, dass mit einer Rücknahme der strengen Auflagen begonnen werden könne, wenn Hygienemaßnahmen durch die Bürger weiter eingehalten werden. Rund 15 Prozent der Einwohner Gangelts seien nach der Infektion mit dem Virus immun. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in der Zwischenzeit aber erklärt, dass es gegenwärtig keinen Beweis gibt, dass Menschen, die sich von Covid-19 erholt und Antikörper haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind.

Die Forscher der Universität Bonn erklärten nun, welche Schlüsse aus den Studienergebnissen gezogen würden, hänge von vielen Faktoren ab, “die über eine rein wissenschaftliche Betrachtung hinausgehen”. “Die Bewertung der Erkenntnisse und die Schlussfolgerungen für konkrete Entscheidungen obliegen der Gesellschaft und der Politik”, sagte Streeck.

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