May 12, 2020 / 7:27 AM / 19 days ago

Angst vor der "zweiten Welle" - Corona-Lehren aus Südkorea und Singapur

Beds are seen at the "Corona Treatment Center Jaffestrasse" makeshift hospital being set up at the fairgrounds to treat patients following an outbreak of the coronavirus disease (COVID-19), in Berlin, Germany April 23, 2020. Odd Andersen/Pool via REUTERS

Berlin (Reuters) - Am Montag eröffnete in den Berliner Messehallen ein eigenes Coronavirus-Krankenhaus mit 500 Betten - und zunächst ohne Patienten.

Auf den ersten Blick scheint dies überflüssig angesichts sinkender Zahlen und freier Intensivbetten für Infizierte mit schweren Erkrankungen in Deutschland. “Aber das Krankenhaus ist ebenso wie das auf dem Hannover Messegelände eine gute Rückversicherung”, sagt Eckard Nagel, Ko-Direktor des Chinesisch-deutschen Freundschaftskrankenhauses in Wuhan. Und dieser Zustand werde noch lange andauern. Denn mittlerweile verzeichnen auch Länder wie Singapur und Südkorea Rückschläge, die lange als Vorbilder in der Corona-Krise galten.

Am Wochenende sorgte vor allem Südkorea für Unruhe. Offiziell gab es am Sonntag um Mitternacht mehrere Dutzend Neuinfektionen - am zweiten Tag in Folge und die höchsten seit mehr als einem Monat. Seit Freitag sind allein 86 Neuinfektionen auf den Besuch eines einzigen Corona-Infizierten in mehreren Nachtclubs in Seoul zurückgeführt worden. Hektisch versuchen die Behörden seither, die Infektionsketten nachzuvollziehen. Denn die sehr engmaschige Kontrolle auch über eine Corona-App gilt als Grundlage für den Erfolg. Mehr als 2450 Personen wurden bereits getestet. Aber die Behörden sind auf der Suche nach 3000 weiteren Personen, die mit dem Infizierten in Kontakt gekommen sein könnten. Die Klubs wurden wieder geschlossen. Bisher verzeichnete Südkorea nur 10.909 Infektionen und 256 Todesfälle. “Aber eine ähnliche Situation kann wieder kommen - jederzeit, an jedem Ort”, warnte Ministerpräsident Moon Chung Sye-kyun.

Das zweite Warnsignal kommt aus Singapur. Auch dort hatte man die Ausbreitung des Virus anfangs sehr stark verlangsamen können. Aber seit Tagen steigen die Infektionszahlen wieder im dreistelligen Bereich - am Sonntag um 876 Neuinfektionen, am Montag um weitere 486 auf nun 23.822. Die allermeisten Fälle davon wurden bei ausländischen Arbeitskräften registriert, die in dem reichen südostasiatischen Stadtstaat oft in engen Unterkünften untergebracht sind. Die Angst vor einer “zweiten Welle” selbst in den Vorbildstaaten sorgte auch an den asiatischen Börsen für Ernüchterung.

BANGER BLICK AUF DEN HERBST

Der Fall Singapur erinnert an die meist osteuropäischen Arbeiter in den deutschen Fleischfabriken wie Coesfeld, wo zuletzt viele Neuinfektionen festgestellt wurden. Zwar gibt es inzwischen parallel zu den Lockerungsmaßnahmen der Länder einen Mechanismus, nach dem Landkreise und Städte notfalls wieder Beschränkungen verhängen müssen, wenn sie in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner aufweisen. Aber etwa zu Südkorea gibt es zwei entscheidende Unterschiede. Zum einen verwies der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Deutschlandfunk darauf, dass in Deutschland trotz der beginnenden Öffnungen gesellschaftlicher Bereiche die Corona-Tracing-App noch nicht im Einsatz ist, die Infektionsketten also schlechter festgestellt werden können. Die App, so heißt es in der Regierung, komme nun möglicherweise erst im Juni.

Zum anderen gibt es schon jetzt Zweifel, dass die lokalen Gesundheitsämter schon bei 50 Neuinfektionen in der Lage sein werden, alle Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen - gerade angesichts von Demonstrationen wie am Wochenende, als in München und Stuttgart mehrere tausend Menschen zusammenkamen, um gegen die Corona-Auflagen zu protestieren. Kanzleramtschef Helge Braun - ein ausgebildeter Arzt - hatte in der Debatte deshalb eine Schwelle von 35 Neuinfektionen vorgeschlagen, konnte sich bei den Bundesländern aber nicht durchsetzen. Dabei zeigt der jüngste Fall in Südkorea, wie schnell eine einzelne Person das Virus weitertragen kann.

Auch deshalb gelten die neuen Corona-Krankenhäuser in Berlin und Hannover als so wichtig - unabhängig davon, ob sie derzeit genutzt werden müssen. “Denn abgesehen von der jetzigen Entwicklung: Niemand weiß, wie die Entwicklung im Herbst sein wird”, sagt der Bayreuther Medizinprofessor Nagel. Dann beginnt auch die normale Influenza-Saison mit einem Anstieg der Grippe-Erkrankten. Und Epidemiologen erwarten, dass dann auch die Fallzahlen bei Corona saisonbedingt wieder steigen dürften.

In Berlin jedenfalls verfügt das neue Corona-Krankenhaus in Messehalle 26 über 500 Betten. Etwa 100 Plätze sind mit Beatmungsgeräten ausgestattet. Es wird aber nur für leichtere Fälle eingesetzt, wenn die anderen Berliner Krankenhäuser keine Kapazitäten mehr haben. Nagel plädiert dagegen mit Hinweis auf die chinesischen Erfahrungen dafür, getrennte Corona-Krankenhäuser einzurichten, damit in den normalen Hospitälern die Behandlung anderer Erkrankungen fortgesetzt werden kann.

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