March 10, 2020 / 3:26 PM / 23 days ago

Ökonomen - Coronavirus treibt Deutschland in die Rezession

- von Klaus Lauer und Christian Krämer und Holger Hansen

A note on documents reading "Corona aktuell" lies on the table during a meeting with the economy ministers from Germany's 16 states to discuss the economic impact of coronavirus disease (COVID-19), Berlin, Germany March 10, 2020. REUTERS/Michele Tantussi

Berlin (Reuters) - Die deutsche Wirtschaft kann nach Ansicht von Ökonomen wegen der Coronavirus-Epidemie eine kräftige Talfahrt kaum noch vereiteln.

“Für Deutschland erwarten wir im ersten Halbjahr eine Rezession, leider”, sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, am Dienstag. Die Wahrscheinlichkeit sei “schon sehr hoch”. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, äußerte sich ähnlich. Die Deutsche Bank rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang der deutschen Wirtschaftskraft um 0,2 Prozent - es wäre das erste Minus seit dem Finanzkrisenjahr 2009. Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier räumte ein, dass es bis Jahresmitte konjunkturell schwierig werde. Am Nachmittag wollten die EU-Staats- und Regierungschefs in einer Videokonferenz mit EZB-Chefin Christine Lagarde Maßnahmen gegen die Coronavirus-Epidemie beraten.

Die Bundesregierung brachte unterdessen im Schnellverfahren einen Gesetzentwurf auf den Weg, mit dem Kurzarbeit als Folge des Coronavirus rasch erleichtert werden kann. Damit werde ein “Schutzschirm für Arbeitsplätze in Deutschland ermöglicht”, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Die Vereinbarung des Koalitionsausschusses vom Sonntagabend könne damit bis zur ersten April-Hälfte umgesetzt werden, wenn auch Bundestag und Bundesrat im Schnellverfahren zustimmten. Per Verordnung will die Regierung dann ermöglichen, dass Firmen Kurzarbeit schon beantragen können, wenn ein Zehntel der Belegschaft betroffen ist. Derzeit liegt die Schwelle bei einem Drittel. Unternehmen sollen zudem von Kosten entlastet werden, indem die Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre Sozialabgaben für Kurzarbeiter übernimmt.

ALTMAIER GEGEN GRENZKONTROLLEN UND ABSCHOTTUNG VON LÄNDERN

Altmaier beriet mit den Wirtschaftsministern der 16 Bundesländer über die Folgen des Virus. Es ging um Instrumente zur Sicherung der Liquidität und Beschäftigung von Unternehmen. Viele Milliarden Euro stünden hier zur Verfügung, sagte der Minister. Er rechne mit großer Nachfrage nach Hilfen der Förderbank KfW. Notfalls werde man die Mittel noch aufstocken, bekräftigte Altmaier. Er sprach sich trotz der Coronavirus-Epidemie gegen Grenzkontrollen und die Abschottung ganzer Länder aus. “Die Freizügigkeit ist ein hohes Gut”, sagte der CDU-Politiker. Deutschland werde alles tun, um Einschränkungen zu vermeiden. Darüber müsse auf europäischer Ebene gesprochen werden. Österreich hat ein Einreisestopp für Personen aus Italien verhängt, wo das Virus besonders stark verbreitet ist.

Konjunkturell werde das erste Halbjahr schwierig, sagte Altmaier auf die Frage, ob eine Rezession in Deutschland droht. Italien und China - zwei der am stärksten betroffenen Staaten - seien wichtige Handelspartner für Deutschland. In der Autoindustrie seien italienische Partner für viele Firmen sogar noch wichtiger als chinesische. Eine Konjunkturschätzung für 2020 werde es mit der Frühjahrsprognose geben, die näher rücke. Bisher erwartet die Regierung 1,1 Prozent Wachstum, nach 0,6 Prozent im vorigen Jahr. Dies gilt unter Fachleuten als nicht mehr erreichbar. Allein im laufenden ersten Quartal dürfte es einen Rückgang um 0,2 Prozent geben, sagte der Deutschland-Chefökonom der Deutschen Bank, Stefan Schneider, zu Reuters. Im Frühjahrsquartal dürfte die Wirtschaft dann sogar um 0,8 Prozent schrumpfen - das wäre das größte Minus seit Anfang 2009.

Schneider sagte, die Wirtschaft könne sich in der zweiten Jahreshälfte wieder fangen. Grund zur Schwarzmalerei gebe es daher nicht. “Wir haben immer noch voll ausgelastete Kapazitäten am Bau, der Arbeitsmarkt bewegt sich nahe der Vollbeschäftigung”, betonte Schneider. “Deutschland befindet sich in einer vergleichsweise komfortablen Situation.”

In China sehen deutsche Unternehmen zudem mittlerweile wieder einen Silberstreif am Horizont. Die Deutsche Post erklärte, das Express-Geschäft im Ursprungsland des Virus Anfang März wieder zugelegt. Der Chef des fränkischen Autozulieferers Schaeffler, Klaus Rosenfeld, sagte, seine Werke in China seien nach einer um zehn Tage verlängerten Ferienzeit wieder in Betrieb und zu 80 Prozent ausgelastet. Die Lieferketten seien intakt. “In China scheint sich die Situation zu entspannen.” Schaeffler erwirtschaftet rund ein Fünftel seiner Erlöse in China.

STEUERENTLASTUNG UND ABSCHREIBUNGSMÖGLICHKEITEN IM VISIER

Regierungsberater Felbermayr appellierte im ZDF dennoch an die Koalition, Unternehmen und Verbraucher noch stärker zu unterstützen. Die Bundesregierung müsse Vertrauen schaffen “mit Maßnahmen, die vielleicht auch über das hinaus geht, was bisher schon auf dem Tisch liegt”. So würde etwa die Stundung von Steuern die Liquidität vieler Firmen stärken. Der IfW-Chef plädierte auch für ein Vorziehen der ohnehin geplanten Soli-Abschaffung. Ifo-Präsident Fuest forderte ebenfalls stärkere Hilfen der Regierung. “Die betroffenen Branchen brauchen erhebliche Liquiditätshilfen, damit die Krise nicht Unternehmen in die Insolvenz treibt, deren Geschäftsmodell eigentlich gesund ist”, sagte er “Augsburger Allgemeinen”.

Während die Industrie unter schwindender Nachfrage und Problemen bei Zulieferern leidet, spüren zunehmend auch Dienstleister die negativen Folgen der Epidemie - vor allem Unternehmen der Luftfahrt, des Tourismus und Restaurants.

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